Wie im Himmel – Anna Ternheim unplugged
Vorprogramm
Die Kölner Music Clubs haben sich über die Jahre für meine verwöhnten Hörgänge zum Mekka gehobener musikalischer Live-Ereignisse entwickelt. So war ich unter anderem Gast bei einem der ersten Auftritte der Counting Crows im Luxor (mittlerweile Prime Club), bei dem sie ihre mittlerweile auf zwei Live-CD´s dokumentierten Bühnen-Fähigkeiten unter Beweis stellten.
Mehrfach habe ich meinen all time musical hero Peter Hammill auf Kölner “Kleinkunstbühnen” erlebt. Zuletzt vor einigen Jahren im Wartesaal, als sein Solo-Auftritt überraschenderweise von den Mitspielern der erst jüngst wieder auferstandenen Progrock-Legende Van der Graaf Generator begleitet wurde. Nie werde ich den Abschluss dieses Konzertes vergessen, bei dem Hammill mit einer letzten, unverstärkt in den Raum gesungenen A-Capella-Ballade den Gänsehautfaktor auf Maximalerektion der Härchen sang.
Kurz vor seinem auch heute noch unfassbaren Tod hatte ich die (leider letzte!) Ehre und das große Glück, einem tief in die Seele gehenden Gig des herausragenden Songwriter-Talents Jeff Buckley im Kölner Luxor beizuwohnen, den ich in Erinnerung habe als anbetungswürdige Performance, die man nur mit dem Titel des besten Leonard-Cohen-Song-Covers ever auf den Punkt bringen kann: “Hallelujah”.
Binnen des letzten Jahres schließlich wurde mir das Vergnügen zuteil, gleich drei glorreiche Konzerte zu besuchen. Das Gitarrengott-Gastspiel des jungen Altmeisters Nils Lofgren, der solo und unplugged den anwesenden Stollwerck-Zuhörern einen unvergesslichen Abend bereitete, mit dem Höhepunkt einer begnadeten Interpretation von “Because the night” seines Buddies Bruce Springsteen. Saitenspielklang vom Feinsten, nachzuvollziehen via DVD.

Vor wenigen Wochen erst das Hochamt des Independent Rock, bei dem ich als Apostel getarnt dem Prediger David Eugene Edwards und seiner Band Woven Hand huldigte (nachzulesen auf zoolamar). Und nicht zu vergessen im Frühjahr der Auftritt von Anna Ternheim mit Bandbegleitung im Prime Club, bei dem sowohl sie als auch ihr Vorprogramm Gast Oren La Vie höchste Songwriter-Begabungen öffentlich machten.
Hauptact
Warum diese lange Vorrede? Weil sich die Schwedin Ternheim gestern mit ihrem erneuten Gastspiel im Kölner Stadtgarten in diese höchsten Sphären und Weihen von unvergesslichen Live-Darbietungen und endgültig ganz tief und fest in mein Herz gespielt und gesungen hat. Weil diese junge Frau, wenn die Welt nur etwas gerechter wird, schon bald alle Meluas, Jones, Winehouses, Stones dieser Erde weit überragen wird. Denn sie schreibt Lieder, die man einfach lieben muss, will sie im wahrsten Sinne des Wortes voller Liebe sind, wenn auch nicht selten zum Scheitern verurteilt. Songs für alle, die den Film “Wie im Himmel” lieben, den so fühlt man sich, wenn man sich Anna´s Klang-Kunst hingibt.
Die Überraschung schon beim Betreten des kleinen Saales im Stadtgarten. Auf der Bühne nichts weiter als ein rotes Piano und drei einsame Gitarrenständer. Ohne Strom also heute Abend die Dame, Unplugged, wie man diese akustische Darreichungsform seit den legendären MTV-Gigs neudeutsch nennt. Das ist die Nagelprobe für jeden Musiker, der Moment ungeschönter Wahrheit, in dem das reine, nackte Skelett von Songs freigelegt wird, das überprüfbar macht, über welche Qualität und Tiefe das Liedgut wirklich verfügt. Stripped to the bone.
Das Schwarz-Weiß-Plakat im Vorraum des Saales bewahrheitet sich also jetzt hier – Anna, die mit der Schere die Strippen einer Marionette durchtrennt, erweist sich heute als Kapperin der E-Strings. Sie setzt nun also in die Tat um, was sie mit der rein akustischen Bonus-Edition ihres letzten Albums “Separation road” bereits Herz erweiternd vorbereitet hat.
Das zierliche blonde Wesen, das mit akustischer Gitarre gegen Viertel nach Neun die Bühne betritt, wirkt ganz so wie ihre Songs. Auf den ersten Moment einnehmend, sanft und freundlich, offen und doch voller Geheimnis, mit dieser Mischung aus nordisch herber Schönheit und schwerer Seelentiefe und mit Augen, aus denen die Melancholie direkt in die zarte, aber feste Stimme zu träufeln scheint.

“Better be” beginnt Anna und die ersten Akkorde lassen keinen Zweifel daran, dass ich hier heute Abend Zeuge eines kleinen Wunders werde, das sich nur als Berührung und Bezauberung der Sinne beschrieben lässt. Der zweite Song ist auch schon der zweite denkwürdige Moment. Denn in ihrer sparsamen, ganz zurückgenommenen Version von Bowie´s “China girl” offenbart sie neben ihrer eigenen Größe die kompositorische Klasse von David, dem Rock-Goliath, dessen Werk durch diese sinnliche Adaption eine eindrucksvolle, ausdrucksstarke Würdigung erfährt.
Bei Song drei bin ich der gotländischen Elfe dann bereits völlig verfallen “I´ll follow you tonght” ist so berückend und betörend, dass mir als Antwort nur eine Wahl bleibt. “Yes Anna, wherever you are going”.
Zwischendurch beweist sie Entertainer-Qualitäten. Sie erzählt, wie eine trunkene störende Zuhörerin bei einem ihrer letzten Konzerte von ihrem Tourmanager aus der Halle begleitet werden musste und den Mann dann prompt zum One night stand einlud, der allerdings widerstand. Die leise hinterher gesprochene Hoffnung, dass es der Frau gut gehe, ist keine Effekthascherei, sondern echtes Mitgefühl.
Anna weiß eben, wie sich Einsamkeit anfühlt, das vertraut sie einem auch in den Zwischentönen an. “Someboby outside”, der Titel ihres ersten Albums kommt nicht von ungefähr. Das Suchen und Finden von Liebe ist ihr Thema und das Verlieren. Da ist die verlorene Seele der Betrunkenen nicht weniger als die Tinte auf dem Blatt Papier, auf dem Anna die nächste tragische Liebesgeschichte für uns aufschreibt. Ein solches Abschiedslied folgt bereits kurz nach der Anekdote. Zu “Nights in Goodville setzt sich Anna mit ihrer ersten Gitarre, die sie kurz als solche vorstellt, auf einen roten Miniaturledersessel und intoniert die bittersüße Ballade über einen Liebesirrtum mit langer Erkenntnisdauer.
Und so trauert sie unverzagt und konsequent den vergeblichen Liebesmühen nach, in denen aber immer wieder auch die klangliche Schönheit steckt, die zu trösten vermag. Das ist das Besondere an Anna Ternheims Musik. Sie ist zutiefst melancholisch, hat aber nichts von suizidaler Depression, weil sie bereits vollzogene Trauerarbeit und damit selbst-therapeutischen Charakter transportiert, der sich auch uns zuhörenden Seelen als solcher mitteilt und teilhaben lässt.
“No subtle men” ist eines dieser hochgradig emotionalen Kleinode, bei dem sich die versammelten Paare fest umarmen und ihren Schwur der ewigen Liebe erneuern. Die Singles im Publikum bekommen angesichts der Kuss-und-Kuschel-Szenen schwermütig neidvolle Gesichtszüge. Unglaublich, wie Herz erwärmend nordische Kühle sein kann. Leider ist das dann wohl zuviel des Guten für eine Zuhörerin, die während des Songs kollabiert und ersthilflich versorgt werden muss. Wohl doch zu ergreifend für zarte Gemüter diese Überdosis Gefühl. (Gute Besserung auf jeden Fall an dieser Stelle für die Frau.) Die Single-Auskopplung “Lover´s dream”, die auch als Video betört, darf in diesem traurig erlesenen Liebessongreigen natürlich nicht fehlen.
Fast rechtfertigend bemerkt Anna dann beim “Wedding song”, dass sie ja durchaus auch One happy song im Programm habe. Über die verbale Selbstironie lachen alle, das Lied selbst verwandelt es umgehend wieder in Ergriffenheit.
Das filigrane, hauchzarte “Shoreline”, dessen Outro auf Platte einen in die Ewigkeit der Empfindungen zieht, ist wie im März im Prime Club auch hier wieder der Gipfel des Gefühlsberges, auf den Anna in Sisyphos-Arbeit immer wieder felsgroße Songperlen hinaufrollt, die uns dann in unmittelbarer Reaktion aus den Tränenkanälen herabrollen. Ein Song, der mich bei jedem Hören vor Rührung in die Knie zwingt. “You die when you´re young…” eine Hammer-Zeile, die mit meinem Element-of-Crime-T-Shirt korrespondiert, auf dem “Too old to die young” als Spruch steht. Wir verschworenen Melancholeriker haben eben unsere Geheimcodes, mit denen wir kommunizieren, über Altersgrenzen hinweg.
Such a lonely soul, denke ich, obwohl sie diesen sehr ergreifenden Song ihres letzten Albums an diesem Abend nicht singt. Aber er ist den ganzen Abend über da in allen anderen Liedern und in dieser vertonten Uferlinie ganz besonders.
(Einziges Ärgernis: Es gibt leider immer wieder eine Horde unzivilisierter, unsensibler Menschen, die bei solchen Konzerten auftauchen und denen es nicht gelingt, einfach nur zuzuhören, sondern die ständig ihren Kommunikationsmüll in die Gesellschaft abladen müssen. Tut mir und allen Musikliebhabern einen Gefallen, Ihr Sabbeltaschen. Kauft euch in Zukunft Karten für Talkshows, aber nicht für Konzerte wie dieses. Und wenn dann “Maul halten” oder zumindest nicht in meiner Nähe stehen. Ansonsten muss ich euch leider das nächste Mal aus dem Saal tragen lassen wie dereinst Kinski das mit Störenfrieden gemacht hat. Verstanden? Danke!)
Da stören die Musikbanausen wie die vor mir in ihrem ständigen unerheblichen Redefluss besonders. Trotzdem bleibt diese extreme Intensität von Ternheim´s Vortrag. Das habe ich live zuletzt so eindringlich bei Jeff Buckley – selig – und der Liebes-Litanei “Hallelujah” erlebt.
Ein Halleluja ist auch das bisherige Werk von Anna Ternheim, von dem man sich nur wünschen kann, das der Kanon an Psalmen wächst und wächst und wächst.
Denn mit diesen fein ziselierten Songperlen thront Anna in der Hierarchie der Liedermacherinnen ganz weit oben, so wie Skandinavien geographisch halt. Bei den jungen Herren kommen da in Qualität und Ausdruck des Liedgutes allenfalls noch Damien Rice und Ryan Adams ran. Und bei den Über-Songwritern selbstredend der einzigartige Joe Henry (Aktueller Nachweis “Civilians”, das nicht nur von zoolamar sondern von allen bedeutenden Musikmagazinen Bestnoten erhält).
Weiter im Text, also im Ternheim-Konzert. Ganz ohne Strom lässt es dann Anna doch nicht angehen. Soundmaschine und Beatbox liefern den passenden Bewusstseins erweiternden Klangteppich zu “To be gone”. Schon wieder Abschied und der rückt nun leider auch unvermeidlich bei diesem fantastischen Gig näher.
Mit “Halfway to Fivepoints” beendet Anna Ternheim den offiziellen Teil eines Sets, das zu den beeindruckendsten Solo-Leistungen zählt, die mir in meiner über 30jährigen Live-Act-Zuhörer-Karriere zu Ohren gekommen sind. Und da waren nicht wenige Musik-Giganten am Start.
Zweimal zwei Zugaben folgen. “A good day”. Dem ist nichts hinzuzufügen außer vielleicht ein paar very´s mehr. Oder um es schlicht mit Lou Reed auszudrücken “Oh such a perfect day, I´m glad I spent it with you…it just keeps me hanging on…” “Secret” ist der würdige Abschluss des ersten Nachschlags. It´s a new secret I have found… Ja, ich habe wieder einmal das bekannte Geheimnis entdecken dürfen, dass Musik heilende Wirkung hat.
Beim zweiten Da capo veredelt Anna dann noch den eher als Radio-Trallala bekannten Fleetwood-Mac-Megaseller “Lies” auf bemerkenswerte Weise und beweist erneut ihr geradezu absolutes Gespür für die nackte Wahrheit guter Songs. Als sie dann zum überirdisch guten Schluss des knapp neunzig Minuten währenden Sets ein paar Zeilen in ihrer Heimatsprache zum Besten gibt, sind ein paar anwesende Landsfrauen zu Recht völlig aus dem Häuschen, sprich Stadtgärtchen und machen sich zum Flügeltragen für diesen blonden Engel bereit. Ich streue Blumen dazu auf ihren Weg (siehe Zugabe).
Und wo wir gerade bei Heimatgefühlen sind. Treffender als mit der ultimativen musikalischen Danksagung ihrer berühmten Landsleute kann ich diese Bereicherung, dieses Geschenk, das Anna Ternheim mir an diesem denkwürdigen Abend bereitet nicht ausdrücken: Thank you for the music.
Zugabe
Anna Ternheim ist sich nicht zu schade dafür, direkt nach Ende des Gigs die zahlreich verkauften EP´s zu signieren und jedes freundlich an sie gerichtete Wort ebenso freundlich zu erwidern. Mit einem scheuen offenen Lächeln, in dem all diese Melancholie durchschimmert, die ihre Lieder zu nordischen Landschaften machen, in denen die Sonne eben vergleichsweise wenig scheint, dafür aber nicht selten als hellstes Wetterleuchten.
Und liebe Anna, ich möchte Dir zum Dank für Deine wundervolle Musik auch eine Kleinigkeit schenken, die Dir hoffentlich ein kleiner Trost sein kann in tristen, traurigen Momenten.
Heute morgen (das ist nicht erfunden) trug mein geliebter, dem Exitus geweihter Hibiskus, den allein die unermüdliche und geduldige Pflege meiner Liebsten vor dem Verdorren und Verderben gerettet hat, seit langem die erste Blüte. Schöner als je zuvor. Ich denke, sie hat Deine Stimme gehört.
This blossom is for you, Anna.
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Ach ja und eine Bitte noch ganz zum Schluss. Wenn Du das nächste Mal nach Köln kommst, spiele als letzte Zugabe doch einmal nur für mich ein Nick Drake Cover: Day is done. Ich bin sicher, Nick hat das in Vorahnung für Dich geschrieben. Und ich weiß, damit wirst Du alle im Saal zum Weinen bringen, weil niemand diesen melancholischen Musik-Meilenstein jemals wird schöner interpretieren können als Du.





















