DOCUMENTA 12 nachlesen

Gonzalo Díaz, Bei der Glut des Denkens
(Für mich)

Seit Platon schon versuchen wir uns aus der Höhle zu befreien, aus der Enge und Finsternis der eigenen gedanklichen Beschränkung, die gerade so weit reicht, dass wir uns als Denkende beschreiben können, nicht begreifen aber, nicht erfassen. Nur selten werden wir beschenkt mit Erhellung, die unseren Weg beleuchtet durch die befristete Zeit, die wir durchschreiten in der Ahnung, wir selbst würden uns führen und keine Idee, die größer ist als wir. Doch dann plötzlich in einem dunklen Raume glimmt er auf, ein klarer wahrer Satz von Novalis, der sich einbrennt ins verlorene Gedächtnis über das Wort, das am Anfang war. Ein Geistesblitz, ein zweiter, ihn zu installieren, der die Glut des Denkens neu entfacht, der weiterglimmt bei jedem schweren Schritt, der nun leichter zu werden beginnt. So balancieren wir über das Drahtseil einer straffen, starken Zeile, die uns über den eigenen Abgrund führt, dem unvermeidlichen Ende entgegen, gelassener jedoch als je zuvor, furchtloser, weil wir nicht mehr Suchende sind, sondern den einen tragenden Gedanken gefunden haben, der uns endlich wirklich befreit aus der selbst gegrabenen Höhle, weil er uns in der Welt hält – ganz unbedingt.

Saâdane Afif, Black chords
(Für Hardy)

Gitarrengalerie,
Akkorde stehen Spalier
im Saiten-Separée.
Klanginstalliert,
vorprogrammiert,
zufallsverstärkt
flehen die Instrumente
um Befreiung aus dem
Endlos-Ritual der Töne,
in dem sie 100 Tage
schlaflos gefangen sind.
13 Les Pauls´s halten Wache,
warten auf den einen Menschen,
der sie der Monotonie entreißt,
griffbereit ihren Traum erfüllt
von der einen einzigen Melodie,
die sich unter jede Haut spielt,
ins Herzohr der Welt.

Lili Dujourie, Gyrus/Cecilia/Dolores
(für Fatma, die Friseurin)

Gyrus, Cecilia, Dolores -
Schluss mit den alten Zöpfen
auf den antiken Köpfen!
Die Moderne will für euch Geschöpfe
neues erschaffen, die Schöpfe
werden anders frisiert,
öffentlich documentiert.

Gyrus, Cecilia, Dolores -
Lasst euer Eisenhaar herunter hängen
von den Museumswänden!
Lili mit den Scherenhänden
naht schon heran auf den Gängen,
nicht um es euch zu kämmen, zu schneiden,
sondern um es kunstvoll zu verdrahten,
auf eine Weise, um die euch alle Frauen beneiden.

Trisha Brown, Untitled
(Für Lydia, die Lebenstänzerin)

Papierposen,
barfuße Skizzen
aus Bewegung,
und Balance -
Bodenflug.
Im Stiftschritt zu
Kohlekreisen,
zu Pastellpirouetten,
zu Tanztropfen,
die lachen, die weinen.
Choreobiograffitis,
gezeichnet vom Leben als Lust,
von Leiden, das schafft -
Spuren von Spüren.

Tseng Yu-Chin, Who´s Listening
(Für Flora)

Kind,
die anderen Kinder der Welt
haben so viele Tränen,
die Welt deiner Schwestern und Brüder
aber braucht Lachen.
Kind,
wirf dein Herz in diese Welt,
nur das kann die Freude entfachen.

Dmitri Gutov, Fence
(Für Hanspeter)

Benachbarte Metalle,
wie Friederike schrieb,
hier umzäuntes Revier.
Im Garten des Geistes
Rankgitter für Gedanken
und Ideen, die nicht
beschränkt sind,
die nichts begrenzen,
die nicht verrosten.
Dichter, Komponisten,
Philosophen, Kalligraphen
und Gelehrte stehen
hier zusammen, vereint
wie eine Wand.
Ein Wall der Freiheit,
des Friedens, der Liebe.
Wenn nur die Wirklichkeiten
so wären wie die Werke.

Alina Szapocznikow, Photosculpture
(Für Peter Ripka)

Wie oft schon durchgekaut das Thema Kunst
in all seinen grauen Theorien
in all seinen bunten Eruptionen,
in all seinen menschlichen Botschaften.

(Die selbst ernannten Eliten,
die das Wesen der Kunst missbrauchen,
um sich zu erhöhen und andere zu erniedrigen,
die Grenzen ziehen und Gräben aufwerfen
zwischen reiner feiner Vernunft und
schlichtem spontanem Gefühl,
um Kunst zu begründen, zu verkünden
als ihr Territorium, sind armselige Würmer
in der Erde der Künstler, die sie
umgraben Tag für Tag.

Eliten verstehen nichts vom verstehen,
nur vom Eigennutz, weshalb sie vergehen.
Allein es bleibt das Werk vorhanden,
das allen dient, verstanden oder unverstanden.)

Allein es bleibt der magische Moment
des Schaffens, wenn Idee und Mittel
und Form sich treffen zum Sinn,
der sich nur dem wirklich erschließt,
der Auge und Hand anlegt an die Welt
als wandelbares Material.

Sieh die Bildskulpturen hier,
wie sie förmlich aus dem Mund wachsen,
dir die Zähne zeigen, dich anspeien
vor kindlicher Freude ohne sich aufzublasen,
und wie sie auf den Stufen verweilen,
dich einladen, sich dazu zu setzen
für einen Augenblick der Gedankenlosigkeit
und nichts zu tun als zu schauen und zu spüren
und auf das eigene Empfinden zu vertrauen.

Das hat Biss und Dramaturgie, das hat Witz und Poesie.

Wenn du das seltene Glück von Glück hast,
entsteht der magische Moment zum zweiten Mal.

(So erhaben wie dieses Gefühl wird kein elitärer Gedanke jemals sein.)

Maria Bartuszová, Untitled
(für Hilli Hassemer)

Aus dem Wasser gezogen:
Filigrane, verletzliche Figuren.
Geplatzte Ballonblasenrogen,
vom Zufall zerrissene
Gipslebewesenskulpturen.
Plastischer Eisprung,
vernetzte Nabelschnüre -
Gestaltete Geschwüre,
Keramische Zellstrukturen
einer Künstlerschöpfung:
Existenzzyklusspuren.

Tanaka Atsuko, Electric Dress
(für Jacqueline)

Solange ich mein Lichterkleid trage,
kann keine Nacht sich meiner Angst
bemächtigen, sondern die Nächte
fürchten mich, das Stromkind,
die Erleuchtete, die Farbenfrau,
die sich gegen die Uhrzeiger
im eigenen Sinnkreis dreht,
farbige Sterne an den Himmel
tanzend unentwegt, unerschrocken.

© Autor: Thomas Schubert



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