Musik - 23.04.14 -

Kleine Songs ganz groß

Sternstunde in Sepia: Liz Green sei Dank!

Es gibt sie noch, diese kleinen feinen Alben, die ganz groß werden, sobald die ersten Takte ertönen, die einen auf seltsam vertraute Weise berühren. Musik, die aus der Zeit gefallen scheint und die wundervolle Gabe besitzt, die große Zeitbeschleunigungsmaschine der Gegenwart für einen Moment anzuhalten. Sogar zurückzudrehen auf den Modus der fernen, unbestimmten Erinnerung an ein Früher voller Wohlbefinden. „I’m a dreamer“ von Josephine Foster war 2013 ein solches Kleinod. 2014 betört Liz Green mit „Haul away!“ auf ähnliche Weise.

Bereits ihr Debütalbum “O, Devotion!” trägt zurecht ein Ausrufezeichen im Titel. Denn solche weiß die Songpoetin aus Manchester mit jedem ihrer Songs zu setzen. Das zweite Werk, das vom Entwurf “nahe ans Wasser” konzipiert wurde, knüpft nahtlos an den Erstling an und verfeinert das famose Ausgangsmaterial mit subtilen Arrangements von Cello, Tuba und Posaune. So beweist schon der Einstieg mit dem äußerst friedfertigen “Battle”, dass Liz Green ihr akustisches Handwerk perfekt beherrscht. Allein mit ihrer Stimme und feinem Banjopicking erzeugt die Britin nostalgische Zeitreisestimmung.

Durch das gesamte Album gelingen ihr Hörbilder, die auf angenehme Weise rückwärtsgewandt sind, dabei aber überhaupt nicht altmodisch wirken. So vermittelt der Titelsong das sonder- und zugleich wunderbare Gefühl, die Vergangenheit würde in der Gegenwart stattfinden. Bezaubernd die Melodie von “Rybka”, die von verspielten Bläsern ornamentiert wird. Und auf dem Fluss, den das kurze Klavierthema von “River runs deep” in dass jazzige “Where The River Don’t Flow” überführt, möchte man ewig dahintreiben. Das ist gekonnte Melancholie, die die eigene Besinnlichkeit nachhaltig und auf beinahe heilsame Weise zum Klingen bringt.

Liz Green – Where The River Don’t Flow (Official Video) from PIASGermany on Vimeo.

Diese im wahrsten Sinne des Wortes altehrwürdige Vintage-Charakteristik ist bei Liz Green keine Attitüde, sondern stilprägende Ausdrucksform, der es gelingt, eine teilweise an Morbidität grenzende Schwermut mit nonchalantem Charme auszubalancieren. Vor dieser Gabe und ihrer feinsinnigen Vertonung kann man sich als Musikliebhaber nur verneigen. So lässt Green den Hörer in “Empty Handed Blues” erleben, wie mächtig ein Folksong werden kann, wenn Streicher tiefer zu atmen beginnen und Bläser nach und nach bedrohlich anschwellen. Groß! Im Walzertakt von “Into my arms” dreht sich der Hörer als kleines staunendes Mädchen in die beschützende Umarmung der Musikerin. Welche Geborgenheit! Schon findet man sich im “Island Song” auf einer Insel wieder, auf der exotische Bläserpalmen wachsen.

Beim betörenden Instrumental “Little i” halten Welt und Zeit dann tatsächlich für 3 Minuten und 41 Sekunden inne, um den Hörer in demütige Andacht zu versetzen. Dieser Track ist wie moderne Stummfilmmusik für eine herzzerreißende Breitwandromanze. Mit Tränen in den Augen erliegt man beinahe der akustischen Halluzination, der geniale Tramp Charlie Chaplin höchstselbst würde das Cello für dieses Momentum Magie ins Moll streichen. Wer sich nach dem ersten Gitarrenakkord nicht unverzüglich in “Penelope” verliebt, war und wird kein Romantiker. Und “Bikya”, die Namensverwandte von “Rybka” schließlich wiegt einen sanft in Schlaf, in dem sämtliche schöne Erinnerungen wie ein endloser Traum als Sepia-Wolken vor dem inneren Auge in Zeitlupe vorüberziehen.

Ein Album wie ein alter, spinnenverwebter Dachboden, auf dem man unverhofft das Schaukelpferd seiner Kindheit wieder entdeckt und so manch anderen Spuren von sich selbst begegnet. Ein Album, das im Leibgedächtnis kramt wie in Schuhkartons voller Schwarz-Weiß-Fotos, die einen an das unbeschwerte Glück der Jugend erinnern. Ein Album wie eine knisternde Grammophonspur, auf der „The Man I Love“ von Billie Holiday ertönt. Ein Album, das man immer wieder auflegen möchte so wie man die fast vergessene Spieluhr immer wieder aufziehen möchte, die einen als Kind in sicheren Schlaf gewiegt hat. Ein Album so faszinierend wie der Augenblick, in dem Chaplin auf der Leinwand die Lippen bewegte und zum ersten Mal synchron dazu eine Stimme hatte.

Schön, dass man solch filigrane akustische Preziosen wie “Haul away!” im Musikmeer der Massenbelanglosigkeit noch finden kann. Weiterempfehlen bitte! So würdigt Ihr Liz Green und dieses kleine Paradies der Entschleunigung auf angemessene Weise.

lizgreenmusic.co.uk



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