Musik - 28.03.14 -

Schottisches Schlangengift

Eroberung im Sturm: The Amazing Snakeheads

Nein, Glasgow ist kein schöner Ort. Es ist eine verlebte Industriestadt voller Tristesse und Morbidität, in der man am besten mit Whiskey die Sinne benebelt, um sich die trostlosen Fabrikgebäude mit ihren rotschwarzen Backsteinen und den blinden, teils eingeworfenen Fenstern schön zu saufen. Glasgow ist ein Schlampe, der man hoffnungslos verfallen ist, die man aus unerfindlichen Gründen liebt und begehrt und zugleich abgrundtief verachtet, weil sie alles verspricht und nichts hält. Die Musik der grandiosen Newcomer The Amazing Snakeheads ist genau so – ein Spiegel der schottischen Seele, ein Malzsud der Gefühle, so prekär in seiner Emotion, dass es wehtut und man beim Hören selbst zu taumeln beginnt.

Schon der Titel dieses famosen Debütalbums sagt alles: „Amphetamine Ballads.“ Diese dreckige, rotzig-harsche Adrenalin geladene Rockmusik, die Garage auf Ex säuft, Punk auf Lunge raucht und an der Bluesnadel hängt, ist fast zu hässlich-schön, um wahr wahr zu sein. Ein Kampf zwischen Gut und Böse, brutal wie ein Faustschlag in „Fight Club“ und so zärtlich wie eine auf die Schulter tätowierte Rose. Die leidenschaftliche raubauzige Musik von Dale Barclay, William Coombe & Jordan Hutchison kommt daher wie ein Ken Loach Film, der die Härten des Lebens und der davon betroffenen Verlierer unverfälscht und schonungslos zeigt und gerade deshalb Sympathie und Empathie erzeugt.

Da hat Domino Records einen großen Signing-Wurf gelandet, denn das Glasgower Trio hat alles, was man braucht, um Hörerherzen im Sturm zu erobern. Ein Band, die beherzt und kompromisslos aufspielt und ein Albumbiest präsentiert, das kratzt, beißt, tritt und rotzt, dass es eine wahre Freude ist. Die Jungs haben ihre Hausaufgaben in Sachen stilbildender Vorbilder mehr als ordentlich gemacht. Sie haben The Stooges, The Gun Club, The Birthday Party und Morphine tief inhaliert, um angereichert mit dem ein oder anderen Lungenzug 16 Horsepower/Wovenhand, The Valentine Six einen ganz eigenen Rockatem zu verströmen, der nach Rausch riecht, nach Fieberwahn.

Dass die Drei die meisten Songs zur Nachtzeit aufgenommen haben, glaubt man ihnen aufs Wort und vom ersten Takt an bis zur letzten ausklingenden Note, die im Morgengrauen verhallt. Das ist Rock and Roll von der dunklen Seite des Lebens, wo die Schatten düsterer Gestalten im Zwielicht über verrußte Backsteinfassaden huschen, um in Hinterhöfen vergeblich Nachtruhe zu finden, wenn sie in der Gesellschaft getretener Hunde etwas Gnade vom Leben erwinseln. Die geschundene Seele schreit, flucht, jammert, fleht und wimmert sich wund aus jeder schwitzenden Pore dieses Album-Berserkers, der hammerhart und zart zugleich ist, insbesondere zum Finale, wenn alle Wut und Verzweiflung heraus gespien ist und die physische Erschöpfung Platz für Versöhnliches und Tröstliches lässt.

Jeder der zehn Songs auf “Amphetamine Ballade” ist es allein Wert, dieses Album zu kaufen. Und wer seinen Musikgeschmack noch nicht an die Dilettanzen des mäandernden Mainstream-Mahlstroms verloren hat und noch Ohren hat, die sich wehrlos dem Besonderen öffnen, werden diese Band und dieses Monstrum von Platte fest ins Herz schließen und als den ureigenen Pulsschlag desgleichen feiern. Jeffrey Lee Pierce (selig!) wird dieses Werk, das seinen Spirit weiterträgt, vor Begeisterung in den ewigen Jagdgründen bejaulen.

So und nicht anders muss Rockmusik klingen! Exzeptionell!

www.facebook.com/theamazingsnakeheads

www.dominorecordco.de

 

 

 

 

 

 



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