Musik - 08.03.13 -

,Grant' Manier für verschwendete Seelen

John Grant • Pale Green Ghost

Manchmal muss man einfach Geduld haben, bis ein Album wie eben das neue von John Grant, „Pale Green Ghosts“ (Cooperative Music/Universal), erscheint. Tatsächlich ein Album, auf dem jeder Song mit seiner Eigenständigkeit, ob Popsong mit Elektrobeat oder hypnotische Klanglandschaften, den Wunsch erweckt, er möge doch nie enden. Nun also das zweite Solowerk Grants, nach dem bereits hervorragenden „Queen Of Denmark“ von 2010. War letzteres eher ein akustisch-introvertiertes Album zwischen Rufus Wainwright und Midlake fällt „Pale Green Ghost“ kühler und elektronischer, mit zeitweiligen 80er Synthie-Pop Anleihen, aus.
Kein Wunder, hat sich der in Michigan/USA geborene, vormalige Sänger der Czars (1994-2004), mittlerweile in Island niedergelassen und mit niemand anderem als Birgir Þórarinsson, besser bekannt als Biggi Veira von GusGus, zusammengetan. Welch kreativ wunderbare Verbindung, Pop-Folk gepaart mit sphärischer Gletscher-Elektronik.
Und so wird dieses ,Grant Œuvre‘ meisterlich eingerahmt. Das Titelstück ,Pale Green Ghost‘ ist wie ein gespenstisches Roadmovie, monoton, latent lauernd, bedrohlich und beinah endlos – John Carpenter lässt grüßen – und der epische Ausklang ,Glacier‘, eine mutmachende Katharsis („This pain it is a glacier moving through you, and carving out the valley… nursing the ground, with precious minerals…“) mit perlendem Klavierspiel von Chris Pemberton, beinah eine Hommage an David Bowies Edelpianisten Mike Garson .

Dieser epische Appell, kräftezehrende Rückschläge möglichst in neue Energie umzusetzen, kommt zum Ende des Albums nicht von ungefähr. Denn beinah durch alle Songs hinweg verarbeitet John Grant immer wieder Traumata seiner Homosexualität (Coming Out im mittleren Westen der USA!), Beziehungsgeflechte und seine HIV+ Diagnose vor knapp zwei Jahren. Im schwebenden „Ernest Borgnine“ (großartiger US-amerikanischer Schauspieler – hier metaphorisch, heterosexueller Inbegriff eines Mannes) reflektiert Grant über eben jene Diagnose und die Bemerkung darüber, „… now what did you expect, you spent your life on your knees“ – ernüchternd – und doch weben sich versöhnliche  Saxofonklänge ins Ohr, die am Ende, beinah atemlos, sogar einwenig an Bowies ,Neuköln‘ (von “Heroes”) erinnern.

Vorübergehend atemlos bleibt sicher so mancher Zuhörer, dem bei aller musikalischer Geschmeidigkeit plötzlich Textzeilen auffallen wie „But I am the greatest motherfucker, That you’ll ever gonna meet/From the top of my head, down to the tips off the toes on my feet“ (,GMF‘) oder „You know I hate this fucking town/You cannot even leave your fucking house, without running into someone who no longer cares about you (,I Hate this town‘). John Grant singt zwar stets mit kühler Anmut ist aber eben verbal nicht zimperlich, auch wenn er seinen Seelenstrip gerne zu impressionistisch angehauchten Vaudevilleklängen vollzieht. Wie auch im Song ,Vietnam‘, in dem er verweigerte Kommunikation seines Gegenübers mit einer Waffe, ähnlich vernichtend wie das Gift ,Agent Orange‘ im Vietnamkrieg vergleicht.

Partnerschaftliche Ignoranz scheint Grant besonders zu treffen, selbst wenn er – wie beim wunderschön moody-bluesigen ,It doesn‘t matter to him‘ – erfolgreich resümiert, „And I am nowhere near as awkward as I was when I was younger/I guess I’m one of those guys who gets better looking as they age“ – und trotzdem feststellen muss „It doesn’t matter to him /I could be anything/But I could never win his heart again“.

Doch zum Ausgleich aller elegischen Anflüge gibt es auch was für die Beine, dafür sorgt der tanzflächentaugliche Elektropop von ,Sensitive New Age Guy‘ und ,Black Belt‘. Bei Letzterem legt zu allem Überfluss DJ Andrew Butler von Hercules & Love Affair misch-technisch auf der Bonus-Disc (der Deluxe-Edition) Hand an – geglückter will da in jedem Fall Bon Hommes (WhoMadeWho) Remix von ,Why do you love me‘ erscheinen, der eher gedämpft, aber nicht weniger treibend, die Grundstimmung des Albums einfängt.
Auch wenn John Grant auf dem Cover von „Pale Green Ghost“ eher düster dreinblickt, ist der Inhalt doch eher ein süffiger, musikalischer Tropfen, und man kann guten Gewissens von einem ,Grant‘ Manier für  verschwendete Seelen sprechen.
Skál!



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