Musik - 07.03.13 -

Gitarrenlastiges Alterswerk

David Bowie • The Next Day

Lieber David!
Nach 10 Jahren des geglückten, künstlerischen Schweigens hast Du, David Bowie, genau das getan, wovor ich mich, der Dir nun schon seit gut 40 Jahren die Treue hält, beinah ,gefürchtet‘ habe: mit „The Next Day“ (ISO/Sony), schenkst Du uns ein neues Album. Leider hast Du aber zwischen 1970 und 1980 Deine künstlerische Messlatte derart hoch gelegt, dass es Dir seit nun mehr 20 Jahren schon nicht mehr wirklich gelingen will, die rechte Authentizität in Deinen Platten zu vermitteln. Stimmt, Du warst ja immer nur temporär authentisch, eben so wie es der von Dir gerade skizzierte Charakter bedurfte, Ziggy Stardust, The Thin White Duke, große Maskenparade mit noch großartigeren Soundtracks. Doch ohne glamourösen Mummenschanz sind eben auch Karnevalslieder nur noch halb so unterhaltsam, und darum nähme wohl zurecht kaum jemand Notiz von Deiner neuen Platte, wenn es sich um einen unbekannteren Interpreten handelte.

Natürlich überschlägt sich im Vorfeld vorbehaltlos die komplette Popjournaille vor Begeisterung, beinah so als ob es auf dem Berge Sinai neue Gesetzestafeln regnete. Doch Du hast Deinen Messias-Status spätestens mit „Never Let Me Down“ (1987) verspielt und läufst als einst glamouröser Trendsetter Dir selbst und vor allem der Popmusik seit gut zwanzig Jahren hinterher. Dass dabei dennoch immer mal durchschnittlich gute Popsongs herauskamen (,Hello Spaceboy‘, ,I‘m afraid of Americans‘, ,Thursday‘s Child‘) und wenigstens EIN halbwegs ambitioniertes Album („Outside“, 1995) ist unbestritten. Doch, sei mir nicht böse David, der Rest Deines Œuvres verschwimmt selbst für Alt-Bowie-Fans zunehmend und dümpelt verstaubt in den heimischen Plattenregalen. Ich befürchte, so wird es wohl auch „The Next Day“ ergehen, welches beim ersten Hören den Anschein erweckt, als wäre es in der Tat eine Ansammlung von Outtakes Deiner letzten 6 Studioalben. Erst mal gar nicht so schlimm, denn selbst Deine Outtakes waren ja für uns Fans früher wie Ambrosia, wenn ich da so an ,Velvet Goldmine‘ oder ,It‘s gonna be me‘ und ,Dodo‘ denke…

The Next Day – Track-by-Track

Doch nun „The Next Day“, welches mit seinem vorherrschenden, rauhen Gitarrengeschrammel mich sehr an „Scary Monsters“ (1980) erinnert, jenes Album was ich Dir, David Bowie, verziehen habe, nicht nur, weil ihm ,Low‘, ,Heroes‘ und ,Lodger‘ vorausgingen, sondern auch weil es zwei Deiner, beinah letzten, Klassiker in Form von ,Ashes to ashes‘ und ,Fashion‘ beinhaltet.

Und so kommt schon das Titelstück des neuen Albums als eine einfallslose Pop-Rocknummer daher, mit der es jede Amateurband schwer hätte, einen Newcomer-Wettbewerb zu bestehen. Damit aber nicht genug, mit ,Dancing out in space‘, aber vor allem ,How does the grass grow‘ und ,(You will) set the word on fire‘ treibst Du das Gitarrengewitter auf die Spitze, so als hätte es Tin Machine nie gegeben. Auch bei dieser Phase haben wir noch ein Auge zugedrückt, immerhin gab es mit ,You belong to Rock‘n Roll‘ sogar noch einen ganz passablen Song, an den ich mich ,melodisch‘ immer mal wieder gerne erinnere.

Streiche ich diese nervigen Titel aus der Playlist (dank des von Dir einst propagierten iPod/iTunes geht das ja) treten die  interessanteren Momente dann doch zum Vorschein. ,Dirty Boys‘, z.B., mit seinem laidback Groove und schnarrenden Bläsersätzen, nicht schlecht – doch kaum habe ich mich angefreundet, fällt dieser Song bedauerlicherweise vorzeitig einem Fade-Out zum Opfer und gerät so, mit nur knapp 3 Minuten, zum kürzesten Song der ganzen Platte.

,I‘d rather be high‘, das melancholische Lamento eines jungen Kriegsveteranen, hingegen mausert sich zu meinem heimlichen Favoriten mit seinem entfernt an John Lennons ,Number 9 Dream‘ erinnernden psychedelischen Chorus. ,Boss of me‘ wiederum könnte von einer Lou Reed Scheibe der 80er Jahre stammen, pulsierender Bluesrock mit schönen Breaks und einem amüsanten Text („Who’d have ever thought of it?/Who’d have ever dreamed/ That a small-town girl like you could be the boss of me?“).

Deine beiden Single-Auskopplungen, das wehmütig mit einem Hauch Hemingway versetzte ,Where are we now‘ (oder wahlweise, ,Der alte Mann und die Großstadt‘) funktioniert als Albumtrack wesentlich besser – und ,The Stars (Are Out Tonight)‘ für mich leider nur mit dem schrägen Video in Begleitung Deines anbetungswürdigen Alter Egos, Tilda Swinton.

Schlussakkord

Doch Du wärest am Ende nicht David Bowie, hättest Du nicht den richtigen, dramaturgischen Schlussstein für Dein Album. Da warst Du schon immer am besten, ob ,The Bewley Brothers‘, ,Rock‘n Roll Suicide‘, ,Lady Grinning Soul‘ oder ,Wild is the wind‘ – gerne hast Du Dich am Ende einer Platte mit großer Geste verabschiedet. Und auch so hier – ,You Feel So Lonely You Could Die‘  erinnert mit seinem ,Doo-Woop‘-Rhythmus an ,Rock‘n Roll Suicide‘ und ,Satellite of love‘ und endet mit einem ähnlichen Drumpattern, wie einst ,Five Years‘, mit dem Du das „Ziggy Stardust“-Meisterwerk eröffnetes. Doch damit nicht genug, Du legst mit ,Heat‘ noch einen drauf, eine gespenstische Anklage an (D)einen Vater – in bester Walker Brothers Manier, imitierst Du mystisch das grandiose ,The Electrician‘ (vom Walker Brothers Album „Nite Flights“, 1978, nun Deine Bewunderung für Scott Engel ist ja hinlänglich bekannt) und Tony Visconti als Produzent, leistet besonders hier, wie schon so oft, sein Bestes.

Immerhin ein stilistisch souveränes Ende für ein dennoch, für mich, nur durchwachsenes Album, welches sich völlig losgelöst von kontemporären Musiktrends bewegt. Ob das nun gut oder schlecht ist, werden wir ja sehen, nachdem sich der erste aktuelle Jubel gelegt hat.

Warum machst Du es nicht wie eines Deiner großen Idole, Greta Garbo? Ein eleganter Rückzug in die Privatspäre, denn ‘künstlerisch’ hast Du ja schon alles gesagt! Darum werden Deine alten Platten nie an Glanz verlieren, und die ,Reality‘-Tour 2004 war (abgesehen von Deinem Herzinfarkt) bis jetzt ein glanzvoller Schlussstrich, eben genau  jenes würdevolle Verbeugen. Und so zitiere ich an dieser Stelle gerne den alten Boethius, „Si tacuisses, philosophus mansisses“.
Mit liebem Gruß,
Dein ledivo

News & Infos: http://www.davidbowie.com/the-next-day

http://www.zoolamar.com/2013/01/08/david-bowie-where-are-we-now/



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