Musik - 31.12.12 -

Die Entdeckungen 2012

Debütalbum des Jahres: Blackbird von Andrea Schroeder

Nein, das kann wahrlich niemanden wirklich überraschen, der zoolamar über die letzten Monate aufmerksam verfolgt hat. Das Album, das wir vor, zum und nach seinem Erscheinen im September so ausgiebig gefeiert haben, hat sich beim Ohrtrommler auch – wie seinerzeit schon gemutmaßt – die Lorbeeren für das Debüt des Jahres verdient. “Blackbird” von Andrea Schroeder.

Der Berlinerin gelang mit ihrem von Chris Eckman (Walkabouts, Dirtmusic) glänzend produzierten Erstling die große Newcomer-Überraschung des Jahres und wurde nicht nur von uns, sondern die Fachpresse rauf und runter gepriesen. Wohl auch, weil man tiefgründige Schwermut und erwachsenen Sex Appeal in so einer gelungenen, verdichteten Mischung nicht so oft hört und erst recht ganz selten aus deutschen Landen. Die Chansons noir von Andrea Schroeder, die sie mit ihrem kongenialen dänischen Partner Jesper Lehmkuhl (Farmen) geschrieben hat, sind von einer seltsamen Melancholie, die dem Dunkel entspringt und doch in alle Herzen leuchtet. Distanzierte Kühle, die Nähe herstellt und erwärmt. Und das nicht nur im studio, sondern auch live höchst eindrucksvoll.

Klasse-Songs, denen Andrea Schroeder mit ihrer verrauchten Stimme das gewisse Etwas gibt. Dabei ist ihr mit “Blackberry Wine” einer der Songs des Jahres gelungen, der die anderen großartigen Lieder noch einmal überragt. “Blackbird” ruft Erinnerungen an Nico, die frühe Marianne Faithfull und dank der stimmlichen Nähe zu Carla Torgerson auch die Walkabouts. Vor Weihnachten hat Andrea Schroeder – erneut unter der Regie von Eckman – neue Songs in den legendären Hansa-Studios Berlin aufgenommen. Man darf sicher sein, dass diese neuen Lieder sich nahtlos in die edlen Perlenkette an Songs einreihen werden. Für mich jedenfalls – frei nach Casablanca – der Beginn einer wunderbaren musikalischen Freundschaft.

Soweit zur reifen Variante sinnlichen Liedguts. Kein Weg führte in diesem Jahr auch an der Lolita-Variante namens Lana del Rey vorbei – 2012 die absolute Pop-Ikone. Clever inszeniert die Omnipräsenz der Gangsta Sinatra, deren Retrostil nicht nur außerordentlich raffiniert kalkuliert, sondern zudem auch noch extrem gut produziert wurde. So traf uns der unterkühlte Jungdiva Sex Appeal nicht nur von den Billboards einer bekannten Modefirma, sondern vor allem dank der Erotik-Clips ihrer Songs. Auch wenn die Lieder stilistisch alle aus demselben Sixties-Sex-Anleihen-Topf stammten, verstand es Lana del Rey doch diesen Songs ihren verruchten Stempel aufzudrücken und Hit an Hit zu reihen. Auf “Born to die” finden sich einige wirklich tolle Songs und mit der “Paradise Edition” legte das sündige Weib im Dezember noch mal acht nicht weniger gute Songs nach. Und dabei schenkte sie uns auch noch die laszivste Liedzeile des Jahres: “My pussy tastes like Pepsi Cola”. Na, bei dieser Aussicht steht jetzt wohl zu befürchten, dass eine ganze Heerschar von jungen Kerlen zu Diabetikern wird. Sei’s drum, 2012 war del Ray allen Lady Gagas und Madonnas weit überlegen.

Die weiteren Entdeckungen im Schnelldurchgang. James Levy and The Blood Red Rose bedienten mit “Pray to be free” die Retroschiene ebenso überzeugend wie del Ray, aber eindeutig mehr Indie wie auch Crybaby, der als Dritter im Bunde der Sixties-verliebten unbedingt genannt werden will. Michael Kiwanuka gab dem Soul mit seinem feinen Album “Home again” endlich auch wieder eine männliche Hoffnung, nachdem zuletzt die Damen – allen voran Adele – das Zepter schwangen. Kiwanuka legte ein klasse Debüt hin mit seinen zarten, doch starken Kompositionen. Ganz groß zum Ende des Jahres machte der erst 18jährige Jake Bugg von sich reden, dessen Rock and Roll und Herzschmerzballaden dem jungen Chris Isaak in nichts nachstehen. Von dem Burschen wird man sicher noch viel hören. Einer der Newcomer des Jahres wie auch die erfrischenden Lumineers mit ihrer melodieseligen Folk-Euphorie, die wir in den nächsten Tagen noch im Roots-Special 2012 würdigen.

Noch einmal zurück zu Andrea Schroeder, die bei ihrem Album Release Konzert und bei den jüngsten Aufnahmen die belgische Violinistin Catherine Graindorge zu Gast hatte. Auch deren Albumerstling verdient unbedingte Erwähnung, denn “The secret of us all” zeigt sie nicht nur als Virtuosin auf ihrem Instrument, sondern auch als exzellente Komponistin, die mit ihren Loops und Effekten an die junge Laurie Anderson erinnert und außerdem mit Hugo Race einen formidablen Gastsönger auf ihrem Debüt begrüßen durfte.

Mit Caroline Keating und ihrem poetischen Album “Silver heart” darf eine Label-Kollegin von Andrea Schroeder nicht vergessen werden, die schon in einem Atemzug mit Joanna Newsom genannt wird. Auch ihr Erstling zeichnet sich durch subtiles Songwriting und feine Arrangements aus. Ein weiterer heißer Tipp 2012. Eine der progressivsten Neuentdeckungen im abgelaufenen Jahr war mit Sicherheit Willis Earl Beal, der mich mit seinem zerschossenen Blues- und Soulalbum “Acousmatic sorcery” voll auf der Zwölf erwischt hat. Sicher eines der ungewöhnlichsten und mutigsten Alben 2012, so schräg und doch melodisch klang zuletzt Duke Garwood mit seiner brillanten “Dreamboatsafari”.

Und zu guter Letzt müssen noch zwei Neulinge gepriesen werden, denen ich von ganzem Herzen große Bekanntheit wünsche. Zum einen ist das Burkney Jack, ein mittlerweile in Schweden lebender Isländer, dessen Songwriting atemberaubend gut ist. Seine düster-geheimnisvollen, melancholischen Songs gehören zum besten, was ich dieses Jahr an Neuem zu hören bekommen habe. Eine ausführliche Würdigung seines neuen Albums “In the company of shadows” folgt hier in Kürze. Äußerst sehenswert auch seine kunstvollen Videos (Danke Jesper für den Tipp!)

Zum Zweiten ist da noch der beste italienische Songwriter seit Ewigkeiten zu würdigen. Fabrizio Cammarata eröffnete vor wenigen Wochen für Spain und begeisterte das Publikum mit seiner fabelhaften Live-Präsenz. Sein Debütalbum “Rooms” ist aller Ehren wert und wird u.a. von Calexicos Joey Burns unterstützt. Muss man mehr sagen? Ja, das man unbedingt seine neue EP “Misery” kaufen sollte, auf der die besagte bestechende Live-Performance nachzuhören ist.

Wow, war 2012 ein Nachwuchsjahr, oder?



Kommentar schreiben