Musik - 29.12.12 -

Die Altmeister-Alben des Jahres 2012

Genialer Dylan, weiser Cohen, wilder Young

Das überaus reiche Musikjahr 2012 war vor allem auch eines der alten Meister. Mit Bill Fay und seinem erhaben schönen “Life is people” hat der Ohrtrommler dann auch einen aus der Riege der reiferen Musiker mit dem Titel “Album des Jahres” bedacht. Gleich dahinter reiht sich ein gutes halbes Dutzend über 60jähriger in der Liste der besten Alben des Jahres ein. Allen voran mal wieder “holy” Bob Dylan, der primus inter pares des Songwritings.

Mit “Tempest” entfachte der 71jährige Amerikaner einen wahren Bildersturm und schenkte uns eines der besten unter seinen vielen großartigen Alben. Dabei bewies Dylan nicht nur sein Genie als der große Geschichtenerzähler, der mit dem Titelsong den Untergang der Titanic als letzten Walzer inszenierte, sondern auch seine tiefe Verwurzelung mit den amerikanischen Songtraditionen. Ob Shuffle, Blues, Folk oder Country, der große Robert Zimmermann beherrscht alle Spielarten virtuos und beweist mit Songs wie dem berührenden “Scarlet Town” oder dem Tribute to John Lennon “Roll on John” seine einzigartige Klasse.

So brüchig wie his masters voice zeigt sich auch immer mehr das in Würden gealterte Vokalorgan von Leonard Cohen, der in diesem Jahr endlich mal wieder in einem Atemzug mit Dylan genannt werden darf und muss. Gleich zu Jahresbeginn griff der große kanadische Liedpoet in seine lyrisch-philosophische Schatzkiste und zauberte mit “Old Ideas” ein sehr reifes, altersweises, teils selbstironisches Kleinod aus seinem eleganten Hut. Mit seinen mittlerweile 78 (!) Jahren gelangen Cohen Liedperlen von großer Gelassenheit und Schönheit, darunter mit dem überirdischen “Come Healing” der meiner Meinung nach schönste Song des Jahres. Chapeau!

Auch der andere große Kanadier des Songwritings ließ sich nicht lumpen. Neil Young wurde 2012 gleich zwei Mal mit Crazy Horse auffällig. Zunächst mit dem Roots-Opus “Americana“, auf dem er uramerikanischem Liedgut wie “Oh Susanna,” “This land is your land” oder “Wayfarin’ stranger” gekonnt neues Leben einzuhauchen verstand. Im Herbst des Jahres zog Young mit seinen wilden Pferden dann alle Register seiner Gitarrenkunst und wirbelte mit der Horde von grandiosen alten Gäulen eine Stampede-Staubwolke auf, die das Herz eines jeden Rockfans höher schlagen ließ. Mit “Psychedelic Pill” bescherte Neil Young uns ein krachendes Doppelalbum-Ungetüm mit endlosen Saitensoli und einem halben Dutzend von Songbestien, die “Like a hurricane” daherkamen. Die volle Wucht in Tüten.

Von ganz anderer Art, aber nicht weniger beeindruckend zeigte sich Loudon Wainwright III mit seinem sehr facettenreichen Spätwerk “Older than my old man now”, auf dem er die ganze Palette seiner poetischen Farben bespielte. Mit dem ihm eigenen bissigen Spott, dem einen oder anderen Augenzwinkern, aber auch manch feinfühliger Altersbetrachtung zeigte sich der Vater von Rufus und Martha (die beide ebenfalls 2012 mit neuen Alben überzeugten) auf der Höhe seines Könnens und gönnte sich sogar einen echten Spaß mit der US-Talk-Ikone Dame Edna im gemeinsamen Song “I remember sex” – selbstironischer war kein Songwriter dieses Jahr.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt durfte man auch Mark Knopfler erleben und ihm beim Relaxen über 20 Klasse-Songs hinweg zuhören. Der Sultan des Swing huldigte all seinen stilistischen Vorlieben in gewohnt melodischer und eingängiger Weise, ließ sich auf “Privateering” zu viel Blues hinreißen, würdigte den keltischen Folk und hatte auch wieder einige seiner überaus gefühlvollen Balladen am Start. Das Doppelalbum des britischen Gitarrenhelden wuchs mit jedem Durchlauf zu einem der großen Konsens-Wohlfühlalben 2012.

Von erfrischender Neugierde hingegen erwies sich Dr. John, der sich auf seinem neuen Album “Locked Down” eine Frischzellenkur von den Black Keys verpassen ließ. So erfuhr die New Orleans Gumbo des großen alten Voodoo-Zauberers durch den Produzenten Dan Auerbach eine Menge frischer Würze und präsentierte uns den Nite Tripper herrlich lebendig mit spritzigen Grooves, viel herzhaftem Soul und Uptempo-Blues-Nummern, die stante pede vom Ohr in die Beine gingen. Ein sehr charmantes, spielfreudiges Lebenszeichen des legendären Mac Rebenack.

Nicht vergessen werden dürfen auch die Großtaten der reiferen Damen. Fast noch ein Jungspund mit ihren 50 Jahren ist die vielseitige Holly Cole, die mit “Night” das schönste Album weiblicher Gesangskunst 2012 an unser Gehör trug. Eine einzige innige Liebeserklärung an die Nacht, getragen von Coles wunderbarer Stimme und unaufdringlichen Jazzarrangements der exquisiten Songauswahl, die Bond wie Brel würdigen und ihren Höhepunkt im Cover des Klassikers “If you could read my mind” fanden.

Leider zu wenig beachtet wurde das neue Album der Rockpoetin Patti Smith “Banga”, auf dem die morgen 66 Jahre alt werdende Ikone der Punkbewegung die Balance aus Wildheit und Sanftheit gelang. Selbstredend mit Texten, die die literarische Qualität eines Bob Dylan haben. Auch wenn zwei, drei Songs für Smith-Verhältnisse sehr mainstreammäßig geraten sind, finden sich doch wieder einige Ausnahmesongs wie die Ode an die Schauspielerin “Maria” Schneider, das philosophische “Seneca” oder “Mosaic” mit seiner feinen Gitarrenarbeit.

Schließlich gebührt dann noch (vor Holly Cole) der Titel “Coveralbum des Jahres” der hoch verehrten US-Songwriterin Rickie Lee Jones, der mit dem glänzend von Ben Harper produzierten “The Devil You Know” ein Meisterwerk von teils gespenstischer Atmosphäre gelang. Allein die spukige Fassung des Rolling Stones-Hits “Sympathy for the devil” ist bereits den Kauf des ganzen Albums wert. Die aufs Wesentliche reduzierten Songs hinterlassen eine nachhaltige Wirkung beim Hörer, die zwischen wohliger und gruseliger Gänsehaut wechseln. Unbedingt entdecken, falls noch nicht geschehen.

Nur einer der großen Alten enttäuschte mich in diesem Jahr: Van Morrison. Es scheint, dass es Van The man momentan schwer fällt, an seine Großtaten anzuknüpfen. “Born to sing: No plan B” jedenfalls langweilt und ermüdet mit dem Aufguss vielfach bereits weitaus besser gespielter Songideen. Wäre schön, wenn dieser große Mann sich noch einmal zu Songreigen wie “No guru, no method, no teacher” oder “Enlightenment” aufraffen und dann beim nächsten Mal die Riege der großen alten Songwriter anführen könnte.

Soweit der Ältestenrat der Popularmusik. Der nächste Ohrtrommer-Artikel widmet sich den Newcomern des Jahres, unter denen – das darf vorweg genommen werden – die Berlinerin Andrea Schroeder mit ihrem famosen Debüt “Blackbird” die Nase vorn hat. Und auch ihrem Label Glitterhouse wird bei uns Ehre zuteil. Denn die Musikpfleger aus Beverungen haben sich in diesem Jahr mit ihren hochkarätigen Veröffentlichungen selbst übertroffen und sind von uns zum Label des Jahres auserkoren worden. Warum und mehr dazu in Kürze.



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