Musik - 16.11.12 -

Rachefeldzug in Technicolor

Benjamin Biolay • Vengeance

Wer hätte gedacht, dass Benjamin Biolay mit seinem 6. Soloalbum „Vengeance“ (naïve/Indigo) nahtlos an sein Meisterwerk „La Superbe“ von 2009 anknüpfen könnte – und würde?! In der Tat, sein aktueller musikalischer ,Rachefeldzug‘ in Technicolor ist erneut ein großartiger weil auch ganz unartiger Chansonreigen. Wieder bedient sich Biolay verschiedenster musikalischer Muster, die er vielschichtig übereinander collagiert und am Ende dabei aber ganz nach ,Biolay‘ und nicht nach effektheischender Copycat klingt.

Das unterscheidet ihn von der stilistischen Elster Serge Gainsbourg, mit dem er immer wieder gerne verglichen wird. Wo Gainsbourg sich schamlos, wenn auch grandios, der unterschiedlichsten Genres bediente (Jazz, 60s-Pop, Rock oder unvergessen die ‘Marseillaise’ in einer die Grande Nation spaltenden Reggae-Version), gelingt es Biolay zunehmend, eine ihm ganz eigene Tonsprache zu etablieren. Da glaubt der Zuhörer gerne gelegentlich verschiedene Arrangements gleichzeitig zu hören, wie bei ,Sous le lac gelé‘ (Unter dem zugefrorenen See), das erst moderat mit einem Fender-Rhodes beginnt, dann aber mit 80er-Jahre-Electrobeat und hypnotischem Gesang, begleitet von flächigen Synthesizer-Sounds vorwärts treibt, um mittendrin zu einem Gitarren-Lagerfeuer-Song zusammenzubrechen, der sich dann aber auf ein Neues zu psychedelischen Höhen aufschwingt. Sprachlich im Text tatsächlich mehr an Gainsbourgs durchtriebenes Alterego ,Gainsbarre‘ erinnernd („… Dans ta langue d’infirme, Il faut que tu m’affirmes / Noir c’est noir, Comme un goût bizarre…“), wechselt Biolay auch noch ins Englische („… I sink, sink, sink, To the black under me, Memories shimmer in the mirror above me, Losing my world and the story of my life, Cutting the rope, Losing all hope, I’m going down…“) – Manifestation (s)einer seelischen Apokalypse?! Aber wer weiss das schon, vielleicht auch nur die Beschwörung eines ,petit mort‘ (Orgasmus), was käme der französischen Zunge mehr entgegen als das!

Für seine unterschiedlichen Stimmungen hat Biolay natürlich stets die passenden Gäste an Bord (u.a.): Vanessa Paradis (,Profit‘, wie ein Spaziergang entlang der Seine um 5 Uhr morgens), Sol Sanchez (,Venganza‘, auf spanisch gesungen, mit dem Fazit, „es gibt weder Verzeihen noch Rache – nur das Vergessen ist die einzig gültige Rache“) oder mit Carl Barât bei ,Vengeance‘, was nach großem Suede-Drama klingt. Zum Schluss entlässt ein verspielt naives Duett (,Confettis‘ mit Julia Stone) den Zuhörer unbeschwert aus Biolays kaleidoskopischer Soundküche, in der er es stets versteht, einen reizvoll abwechslungsreichen Menüplan zu zaubern. Nicht das Verharren in marktstrategischen Begriffen, wie eben ,Nouvelle Chanson‘, welches er entscheidend mitprägte, sondern die facettenreiche Weiterentwicklung des selbigen beherrscht Biolay, seit über eine Dekade, immer wieder meisterlich. Santé!

Infos, Videos etc -> http://www.benjaminbiolay.com/



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