Musik - 28.10.12 -

Ein weiterer Meilenstein der Rocklegende

Gigantisch guter Gitarrenrock: Neil Young und Crazy Horse

Als “Knochenmark des Rock” habe ich vor zwei Jahren Neil Youngs fantastisches, von Daniel Lanois kongenial produziertes Soloalbum “Le Noise” gefeiert. Dass es dem Kanadier nur zwei Jahre später gelingt, zusammen mit Crazy Horse auch noch den gesamten Blutkreislauf des Rock dazu zu liefern, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erahnt. Auf “Psychedelic Pill” rocken der in 14 Tagen seinen 67. Geburtstag feiernde Young und seine Langzeitgefährten Ralph Molina (dr), Billy Talbot (b) und Frank „Poncho“ Sampedro (g) los, als ginge es darum, einen eigenen ewigen Jungbrunnen zu schaffen.

Die im Titel angedeutete psychedelische Wirkung setzt unmittelbar ein mit dem sage und schreibe 27:37-minütigen Mahlstrom von “Driftin’ Back”, mit dem die alten Jungs sich die Gelenke warm spielen. Der Song kommt zu Beginn im akustischen “Harvest”-Schafspelz daher ehe er sich nach knapp anderthalb Minuten in einen reißenden Gitarrenwolf verwandelt, um den Zuhörer in Trance zu versetzen, die über 9 Titel mit fast 87:41 Minuten Spielzeit anhält (!). Der bisher längste Track im Schaffen Neil Youngs macht die Marschrichtung klar, die der Kanadier im Vorfeld der Aufnahmen vorgegeben hat. Mal wieder richtig mit Crazy Horse rocken. Das kommt einer Untertreibung gleich, denn “Psychedelic Pill” stellt alles in den Schatten, was man bisher von dieser großartigen Band gewohnt war.

Dass es Neil Young & Crazy Horse gleich mehrfach gelingt, Songs auf Augenhöhe mit dem legendären “Like a hurricane” zu intonieren, ist schlicht sensationell. Aber bei aller Euphorie immer schön der Reihe nach. Nach dem imposanten Auftakt, in dessen Sog die Kinnlade schon ziemlich weit runterhängt, packen die wilden Pferde immer noch einen drauf. Mit dem melodiösen Garagenrock “Twisted Road” leitet das Quartett den kurzen, knackigen Titelsong ein, der seinem Titel alle Ehre macht und Neils altes Motto “…rock and roll can never die…” in spacige Dimensionen überführt. “Psychdelic Pill” wirkt wie aus dem Unterbewusstsein einer halluzinogenen Wahrnehmung geschossen, als wäre der Hawkwind-Klassiker “Silver Machine” auf einem Rodeo losgelassen worden.

Doch auch das nicht mehr als ein Vorspiel zu den Höhepunkten, die noch folgen. Der erste ist das wunderschöne “She’s Always Dancing”, bei dem Neil von Beginn an das Hurricane-Gitarren-Gänsehaut-Feeling erzeugt. Der Song könnte aus der gleichen Session stammen wie sein ewiger Klassiker – als wäre die Zeit vor 25 Jahren bei “American Stars ‘n’ Bars” stehengeblieben. Famos, wundervoll, mitreißend. Danach ruhen sich die wilden Gäule kurz aus und wechseln in den Melancholie-Modus mit der erstklassigen Ballade “For The Love Of Man.” Verdiente Ruhe vor dem nächsten Sturm namens “Ramada Inn”, einem klassischen Young Storyteller über ein altes Paar, das die Höhen und Tiefen des Lebens mit Alkohol zuschüttet. Die Gitarrenbreitseite entwickelt sich über Molinas stoisch kraftvollem Schlagzeugspiel.

“Born In Ontario” ist erneut ein kleines Atempausen-Intermezzo, das sich bestens in den Reigen integriert. Dann hebt der zentrale Song des Albums an, auf dem alles an Genialität zusammenkommt. Das schwere Thema der sich dramatisch verschlechternden ökologischen Weltlage verknüpft mit der trügerischen Leichtigkeit von Tralalachören und Flötentönen, das hat im wahrsten Sinne des Wortes Pfiff – Chuzpe, die einen endgültig ungläubig staunen lässt über die Klasse Youngs und seiner Jungs. Dazu gesellt sich die Brillanz seiner Solosaitenausflüge, die einmal mehr Atem beraubend ist. Wie Young seine Gitarre flüstern, jaulen, weinen, wimmern, flehen, kreischen und sich in rückgekoppelten Soundgewittern ausufern und auflösen lässt, hat wirklich den Charakter von einer Stampede wilder, ungezügelter Pferde – voller Kraft und Dynamik und dabei voller Anmut, Schönheit und Eleganz. Wie dieser Song am Schluss zerfasert und wie ein dahinsiechender Dinosaurier ausatmet, macht das apokalyptische Ausmaß dieses vielleicht besten Youngs-Songs ever deutlich.

Als Zugabe gibt es noch eine fette Alternativversion des Titelsongs, wie direkt aus der Garage raus geprügelt. Mit “Psychedelic Pill” fügt Neil Young den Rocky Mountains seines Songwritings einen neuen herausragenden Gipfel hinzu. Ein wahrhaft gigantisches Rockalbum. Unfassbar gut!

www.neilyoung.com



1 Kommentare zu “Gigantisch guter Gitarrenrock: Neil Young und Crazy Horse”

Mayo Velvo am 1. November 2012 17:44

… einzig der Titelsong birgt für mich mit seinem Phaser-Kiffersound eine nette Überraschung, der Rest endloses Gegniedel *gähn*

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