Musik - 17.10.12 -

Inspiriert durch Hieronymus Bosch

Scott Walkers enigmatischer Klang-Wahn-Sinn

Musikgourmets, die gerne Klänge zwischen Genie und Wahnsinn verkosten, werden bei dieser Nachricht vermutlich kräftig einspeicheln: Anfang Dezember erscheint “Bish Bosch”, das neue Album der lebenden Legende Scott Walker. Besser als mit einem neuen Juwel des neben David Sylvian progressivsten Musikers der Popularmusik kann dieses an Hochkarätern reiche Jahr wohl kaum zu Ende gehen. Mit seinen letzten beiden genialen, verstörenden Klang-Experimenten hatte Scott Walker enigmatische Musikmonolithen produziert, an denen sich die Kritikerwelt die Synapsen verstaucht hat.

Mir ist noch eine kongeniale “The Drift”-Rezension von Arne Willander in Erinnerung, für die er in der RollingStone-Ausgabe vom Mai 2006 statt der üblichen Sterne für die Albumbewertung einen Krankenwagen einsetzte und darunter eine poetische Kritik im DADA-Stil verfasst, die den Nagel der Ratlosigkeit mit dem Hammer der ironischen List auf den Kopf traf. Bereits mit dem für unhörbar erklärten Vorgängeralbum “Tilt” hatte Walker sämtliche Genregrenzen gesprengt und alle gängigen Hörgewohnheiten ad absurdum geführt. Die beeindruckende Filmdoku mit dem bezeichnenden Titel “Scott Walker – The 30th Century Man” legt beeindruckend Zeugnis von Walkers avantgardistischer Kompositions- und Produktionsweise ab, bei der im Tonstudio u.a. Schlachtfleischhälften als Percussions (!) zum Einsatz kamen, um diese unvergleichlich bizarre Klangkunst zu erschaffen, die so faszinierend wie irritierend ist.

Auf dem neuen, über 70minütigen Werk setzt Walker seine immer unwirklicher wirkende, gespensterhaft arrangierte Stimme in narrativem Gesangstil ein und seine instrumentalen Experimente in Form von Säbelgefechten oder Murmelkaskaden in Steeldrums fort, immer auf der Suche nach dem noch nie zuvor Gehörten. Schon deshalb darf man “Bish Bosch”, das sich auf den niederlänischen Symbolisten Hieronymus Bosch bezieht, als eines der Ereignisse des Musikjahres feiern. Das 9-Track-Album erscheint auf dem Label 4AD als CD, Doppel-Vinyl und Download. Unterstützt wird Scott Walker von Ian Thomas (drums), Hugh Burns (guitar), James Stevenson (guitar), Alasdair Malloy (percussion) und John Giblin (bass). Als musikalischer Direktor, Dirigent des Orchesters und Keyboarder fungiert Mark Warman, als Gäste sind der Trompeter Guy Barker und der Pedal Steel Gitarrist BJ Cole mit an Bord, mit dem Walker bereits auf drei seiner Alben in den 70er Jahren zusammen gearbeitet hat. Produziert hat der Meister selbst, unterstützt von seinem Co Peter Walsh. Das Cover Artwork entstand in enger Zusammenarbeit Walkers mit dem Maler Ben Farquharson und dem Designer Philip Laslett.

Lassen wir zum Schluss den Musikmagier selbst zu Wort kommen, was ihn zu diesem neuen Album bewogen hat, an dem er seit 2009 arbeitet: “I was thinking about making the title refer to a mythological, all-encompassing, giant woman artist.”

Vorsicht Kunst!

Tracklist:

1. ‘See You Don’t Bump His Head’
2. Corps De Blah
3. Phrasing
4. SDSS1416+13B (Zercon, A Flagpole Sitter)
5. Epizootics!
6. Dimple
7. Tar
8. Pilgrim
9. The Day The “Conducator” Died

www.bishbosch.com



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