Musik - 16.10.12 -

Subtile Decollagen des Kölner Künstlers

Nothing Pleasant – Jo Oberhäuser entlarvt das mediale Absurdistan

Es gibt Kunst, vor der man ratlos steht, weil man sie nicht versteht, die einen unberührt und unbetroffen lässt. Und es gibt Kunst, die sich mitteilt und zur Auseinandersetzung zwingt, weil sie Öle in Feuer gießt, Finger in Wunden legt, dahingeht, wo es wehtut. Jo Oberhäuser ist ein Künstler, den ich seit Jahren dafür schätze, dass er es sich selbst und uns nicht leicht macht, dessen engagierte Arbeiten nichts für oberflächliche Wegseher, sondern für genaue Hinschauer sind, die Kunst nicht als bloße Zerstreuung betrachten, sondern als Konfrontation mit unbequemen Wahrheiten und Wirklichkeiten. “Nothing Pleasant” heißt konsequenterweise seine fortlaufende Serie von pointierten Decollagen, die er ab dem kommenden Freitag im Ausstellungsraum Jürgen Bahr präsentiert.

Wie schon in seinen großartigen “Everyday Sheets” gelingt es Oberhäuser auch mit seinen neuen Werken, den Zeitläuften auf den Zahn zu fühlen und den Zeitgeist kritisch zu beleuchten. Mit seinen subtilen künstlerischen Mitteln stellt der Kölner, der sich seit rund 20 Jahren in seinen überarbeiteten Collagen, Decollagen, Bildmontagen und Combine-Paintings gesellschaftskritisch mit Themen des aktuellen Zeitgeschehens befasst, das mediale “Absurdistan” bloß, in dem wir uns bewegen bzw. ganz gezielt mit Botschaften bewegt und gelenkt werden. 0berhäuser, der in den 1980er Jahren an der Fachhochschule Köln für Kunst und Design ein Kunststudium – Freie Grafik – absolvierte, lotet in “Nothing Pleasant” in kritischer, oft ironischer Art und Weise Werbeanzeigen und ihre Slogans aus. Er verfremdet bestehende Motive grafisch und malerisch und zieht so eine dialektische zweite Ebene ein. Einen doppelten Boden, der aufklärerisch wirkt und in der Verschlüsselung von sich überlagernden, inhaltlich kontrastierenden Bildebenen die Wahrheit hinter und zwischen den Schlagzeilen entschlüsselt. Das Ineinandergreifen von formaler Synthese und inhaltlicher Analyse.

Die Papierarbeiten im DIN A 4-Format (hoch und quer) führen dem Betrachter “Schein-Realitäten” als These vor und die oft assoziativ gewählten bildlichen Konterkarierungen als Antithese vor. Hierbei bedient sich Jo Oberhäuser der Decollage-Technik und erreicht durch das entblätternde Abreißen sowie Abkratzen (Scratching) der oberen Papierschichten eine Freilegung im Sinne einer inhaltlichen, ironisierenden Entlarvung der Werbung und ihrer Slogans. Diese Doppelbödigkeit fordert statt des in den Ursprungsmotiven angelegten reinen Konsumierens von Botschaften eine aktive und kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Kunst. Wenn Oberhäuser etwa den ehemaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg  in den Kontext des Brand Eins-Titels zum Thema Aufmerksamkeit setzt, schafft der Künstler intelligente, tiefgründige, höchst pointierte Lesarten sowohl der populär-militärischen Schlagzeile “Ufftata” als auch des Störers “Der Kampf um Aufmerksamkeit”, die hier 1:1 das Medienrauschen um den ehemaligen Politik-Shooting-Star persiflieren.

Unbedingt anschauen und weiterempfehlen. Die Vernissage findet an zwei aufeinander folgenden Tagen statt: am Freitag, 19. Oktober von 17 bis 23 Uhr und am Samstag, 20. Oktober von 15 bis 20 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 11. November 2012, der Ausstellungsraum Jürgen Bahr ist nach telefonischer Vereinbarung oder auf E-Mail-Anfrage geöffnet.

http://juergenbahr.wordpress.com

www.oberhaeuser-art.de



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