Musik - 05.10.12 -

Preiswürdige musikalische Kleinkunst

Das große Vergnügen der ernsten Musik: Der Singende Tresen

Zu dieser Stunde steht die Berliner Band Der Singende Tresen auf der Bühne des Roten Salons in ihrer Heimatstadt. Damit läuft der Countdown zum Album Release von “Ernste Musik”, dem vierten Studiowerk des Quintetts, das mit einen unwiderstehlichen Stil-Mix aus Folk, Bänkelsängerei und Kunstlied begeistert und nicht nur des Berliners Großstädterherz wilder schlagen lässt. Zum Glück hat die Melancholie-Kapelle um Sängerin und Textdichterin Manja Präkels die Metropole mit dem Covermotiv des genialen Hamplerhitlers quer durch den Kiez plakatiert, so dass das Erscheinen des kleinen Meisterwerks für die Einheimischen nicht zu übersehen ist.

Die ernste Musik beginnt mit dem dank Florian Segelkes Präsenz ungewohnt gitarrenlastigen Rock-Kabarett-Lied “Keine Bange”, in dem Manjas präsenter Sprechgesang umgehend fesselt und schöne Klarinettenlinien von Thorsten Müller den komplexen, dichten Song zum perfekten Auftakt machen. “Nein, ich verschwinde nicht!” kommt auf fliegenden, elektrischen Django Reinhardt-Gedächtnisriffs daher, die poetischen Textzeilen von Präkels über Demenz kongenial zu transportieren. Großartig! Es folgt die melancholische Pretiose “Was steckt dahinter?” mit sehr warmem Gesang, Basszupfern von Benjamin Hiesinger und Müllers Akkordeonphrasen, gekrönt vom wunderbaren Vers wie “…auch durch ungeputzte Fenster scheint die Sonne rein. Mein proletarisches Bewusstsein scheint noch gut in Schuss zu sein…” – sehr anrührend. Angetrieben von Klarinette, Schlagwerk und Gitarre gräbt sich der geschickt inszenierte technoide Klang von “Die Schönheit der Maschinen” ins Ohr, eine subtile Demontage der Digital-Diktatur, gipfelnd in der Kernbotschaft “Ich, das ist Nichts als die Summe der Befindlichkeiten in meinem Warenkorb” – was für eine Dichterin?

Der Singende Tresen – Ernste Musik – Keine Bange! from Der Singende Tresen on Vimeo.

Ganz hervorragend dann die launig instrumentierte Hartz IV-Litanei “Rosie und Klaus”, die den gesellschaftlichen Rand in die Mitte der Aufmerksamkeit zerrt und deutlich macht, dass sozialer Abstieg ein wachsendes Schneeballsystem ist. Exzellent auch zwischen den Zeilen getextet. “Liebe ham wa reichlich aber leider kein Schwein” berlinert Präkels und zieht nach der Zeile “…Rosie und Klaus verlassen das Haus…” die traurige, aber wahre Quintessenz “…so leer war’s noch nie im Haus der Demokratie…” – ein Schlag in die Magengrube.

Sehr berührend die Ballade “Ich komme nicht mehr vor…in meinem Leben, man hat mich einfach durch mich selbst ersetzt” über das Diktat des Funktionieren Müssens und dem damit verbundenen Verlust von Identität und ergo Lebensqualität. Etwas mehr als eine Minute äußerste Intensität verleiben einem Manja Gesang und Müllers Akkordeon beim Erich Mühsam-Zitat “Gebt mir Schnaps” ein – herrlich krächzendes, ächzendes Sauflied, das Riesenlust auf jedwede Spirituosen-Vernichtung macht. “Nie wieder nach Haus” ist eines dieser sperrigen, kantigen Lieder, die Der Singende Tresen wie keine zweite Band beherrscht, kompakt vielschichtig und mit der entwaffnenden Gegenfrage “Warum kann das wichtig sein, woher einer kommt?” auf die dämliche Frage “Ob ich ausm Osten komme?” Das “Trostlied” macht seinem Titel alle Ehre mit dem buchstäblich fabel-haften Bild vom kleinen bekümmerten Vogel, dem ein freundschaftliches Wort den Mut zuspricht, dass er bald wieder unbeschwert fliegen wird. Mit “Der Tod ist die Kurve” gibt es das zweite literarische Zitat auf dem neuen Album. Hier in Form eines Verses des wunderbaren portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, umgesetzt als kurzes Lied im Stil-Horizont von Tom Waits und Element of Crime mit abermals starkem Django Reinhardt-Einschlag.

Der Singende Tresen – Ernste Musik – Nie wieder nach Haus – Albumteaser from Der Singende Tresen on Vimeo.

“Horde Blau” beschreibt pointiert männlich-militantes Machtgehabe in jedweder Art von Gruppenzwang. Sämtliche unangenehmen Assoziationen von Saufkumpanen-Cliquen bis zu Nazitümelei marschieren am inneren Auge vorbei. Im Satz “Solche Männer mögen leider kein Konfetti unterm Haar” ziegt sich auch das große komödiantische Talent von Manja Präkels, die das Doppelbödige in jeder Form beherrscht. “Keiner muss alleine sein/Legende vom Burmelbär” ist ein kryptisches, kleinkünstlerisches Etwas, das in seiner Bizarrerie sehr unterhaltsam ist. “Rastlos” erinnert in seiner klassischen Liedermacher-Charkteristik an Hans-Eckhardt Wenzel - sehr feines Liedgut mit akustischer Gitarre, Klarinette und sanften Vibraphonklängen von Lilia Antico. Fabelhaft textlich wie musikalisch geraten ist “Mensch”, ein humanistisches Plädoyer zur Stärkung des Individuums, beseelt und getragen von Müllers schönem Klarinettenpuls. Das “Schlafloslied” trägt seine Besonderheit bereits im wortspielhaften Titel – ein Ausklang, der einen in seiner prägnanten Kürze und textlichen Würze nachdenklich zurücklässt, wie es sich für die Meister der Sperrstundenmusik gehört. Das Ende des Albums so famos wie der Beginn.

Der Singende Tresen – Ernste Musik – Was steckt dahinter? – Albumteaser from Der Singende Tresen on Vimeo.

“Ernste Musik” ist so tiefgründig wie kurzweilig, so spitzzüngig wie warmherzig – ein lyrisch wie musikalisch außerordentlich gutes deutschsprachiges Album, das in seiner Balance aus menschlich präsizen Beobachtungen und Stimmungsbildern einerseits und gesellschaftskritischen Tönen andererseits ein großes, weil anspruchsvolles und Auseinandersetzung forderndes Album ist. Manja Präkels trägt einen Hut, der so herrlich verbeult ist wie die Musik der Band. Ich leihe ihn mir hier kurz mal aus, setze ihn mir auf, um ihn umgehend wieder zu ziehen vor Manja, dem gesamten Singen Tresen und seinem außerordentlichen Album, in dem Poesie, Melodie, Melancholie, Ironie zur Symbiose dessen werden, was die Künstler selbst mit dem Gütesiegel “Gedankenmanufaktur Wort & Ton” versehen.

Ich fordere den Deutschen Kleinkunstpreis! Und den Deutschen Schallplattenpreis sowieso!

www.dersingendetresen.de

www.facebook.com/dersingendetresen

www.myspace.com/dersingendetresen



Kommentar schreiben