Musik - 29.09.12 -

Bemühte Zeitreise in die 20er Jahre

Lieder im Mieder – Diana Krall: Glad Rag Doll

Musik - Diana Krall Glad Rag Doll - Album Cover

Diana Krall Foto von Mark Seliger

Rag-Time Zigfield Follie aus den 20er Jahren

Historische Aufnahme eines Ziegfield Follie

Schon vor Wochen ist eifrigen Facebook-Nutzern in ihrer Timeline immer wieder ein ganz spezielles Bild begegnet: eine langhaarige Blondine räkelt sich im schwarzen Mieder und Strapsen lasziv auf einem rotem Samtpuff. Nicht dass Bilder dieser Art in Sozialen Netzwerken selten zu sehen wären, das Verblüffende an diesem Bild war nur, es handelte sich um das Plattencover des neuen Diana-Krall-Album GLAD RAG DOLL Selbst ohne den Musikgeschmack jedes einzelnen meiner Facebookfreunde im Detail zu kennen, so kann ich doch sagen, viele Jazzliebhaber waren nicht unter denen, die das Bild geteilt haben.

Ein singender Pirelli-Kalender?

“I was just playing dress-up to illustrate the album’s title and 1920s theme,” said the 47-year-old jazz-pop singer-pianist and mother of two. “There isn’t even any cleavage—just a little more thigh. Look at Alfred Cheney Johnston’s Ziegfeld Girls photos from the period. They’re much more risqué.”

Wenn die Jazzpianistin und Grammy-Preisträgerin Diana Krall sich also empört zeigt, dass Fans die Fleischbeschau-Offensive irritiert kommentieren: „You don’t need cheap tricks to sell your music.”, muss man ihr entgegen halten, Sie hat sich mit ihrer Entscheidung sich für das Alumcover selbst in ein Zigfield Follie zu verwandeln dagegen entschieden, die Aufmerksamkeit auf die Musik ihres neuen Album zu lenken. Böse Zungen behaupten, das sei auch besser so. Auch wenn die Auswahl einger schöner Songs der 20er und 30er Jahre gelungen ist, plätschert GLAD RAG DOLL doch vom Openener We Just Couldn’t Say Goodbye über den Doc-Pomus-Klassikers Lonely Avenue, den Ray Charles 1956 zu einem Rhythm’n’Blues-Hit gemacht hatte bis zu ihrem Remake der Ballade Wide River To Cross derart gelangweilt aus den Boxen, dass der Zuhörer meint, er sei Zeuge eines nachmittäglichen Soundchecks in einer drittklassigen Kleinstadtbar.

Bei der Gestaltung des Coverartworks wurde immerhin an nichts gespart und das kleine Albumbooklet weist noch zwei weitere Lingerie-Shoots auf, für die die Oscar-prämierte Kostümdesignerin Colleen Atwood und der Fotografen Mark Seliger verpflichtet wurden. Seliger ist für seine Promi-Portraits von Susan Sarandon, David Byrne, Willie Nelson, Mick Jagger, Keith Richards, Kurt Cobain und Tony Bennett bekannt. Die Inspiration zu den Sex-Sells-Fotos, die für „Glad Rag Doll” geschossen wurden, lieferten die historischen Bilder, die Alfred Cheney Johnston in den 1920er Jahren von den Revue-Girls der Ziegfeld Follies gefertigt hatte.

Das waren in der Tat kleine Kunstwerke, um hochtalentierte junge Frauen in Szene zu setzen, die Stars ihrer Generation waren. Die „Hommage” von Diana Krall reicht leider weder optisch noch aktustisch an den Glamour, den Charme und die Verführungskunst ihrer Vorbilder heran sondern erweist sich eben doch als schaler Verkaufstrick für ein mäßiges Album.

Track Listing GLAD RAG DOLL:
01. We Just Couldn’t Say Goodbye (Woods)
02. There Ain’t No Sweet Man That’s Worth the Salt of My Tears (Fisher)
03. Just Like a Butterfly That’s Caught in the Rain (Dixon/Woods)
04. You Know I Know Ev’rything’s Made for Love (Sherman/Tobias/Johnson)
05. Glad Rag Doll (Ager/Dougherty/Yellen)
06. I’m A Little Mixed Up (James/Johnson)
07. Prairie Lullaby (Hill)
08. Here Lies Love (Rainger/Robin)
09. I Used to Love You But It’s All Over Now (von Tilzer/Brown)
10. Let it Rain (Kendis/Dyson)
11. Lonely Avenue (Pomus)
12. Wide River to Cross (Miller/Miller)
13. When the Curtain Comes Down (Hoefle/Lewis/Sherman)

Tour:
06.11.12, Frankfurt am Main – Alte Oper
09.11.12, Hamburg – CCH
18.11.12, Berlin – Tempodrom

http://www.dianakrall.com

http://facebook.com/dianakrall



1 Kommentare zu “Lieder im Mieder – Diana Krall: Glad Rag Doll”

Mayo Velvo am 30. September 2012 15:57

… “derart gelangweilt aus den Boxen, dass der Zuhörer meint, er sei Zeuge eines nachmittäglichen Soundchecks in einer drittklassigen Kleinstadtbar…”

großartig!

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