Musik - 28.09.12 -

Meisterwerk mit zehn göttlichen Song-Geboten

Bob Dylan – der geniale Geschichtenerzähler

Auch der Meister aller Meister muss mal warten. Zwar ist “Tempest”, das neue Album von Bob Dylan bereits vor drei Wochen erschienen. Und in diesen wenigen Tagen hat die gesammelte Fachpresse sein fulminantes Spätwerk zum Meisterwerk ausgerufen und damit den Denkmalsockel der Ikone um eine weitere Stufe der Unerreichbarkeit und Unantastbarkeit erhöht. Aber der Ohrtrommler hat das Album – wie es einer Größe gebührt – langsam wachsen, seine Bilder und Stimmungen zur Tages- wie Nachtzeit wirken lassen und schließt sich nun umso überzeugter dem Urteil der anderen an: Der Sturm der Begeisterung über “Tempest” kann gar nicht groß genug sein!

Wir erleben Bob Dylan hier auf der Höhe dessen, was ihn zum Solitär, zu einer ganz eigenen Kategorie von Musiker, zum primus inter pares der Spezies Songwriter macht. Als unerreichten, als wortgewaltigen Storyteller, der mit ungeheurer sprachlicher Expressivität und metaphorischer Kraft die Möglichkeiten seiner literarischen Begabung ausschöpft und in mantrische musikalische Magie verwandelt. Der auf Shakespeare deutende Titel lässt bei einem Dichter vom Format eines Bob Dylan garantiert mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu. Es ist zum einen sicher die passende Überschrift über die zehn Songs, vor allem für die fast 14minütige Titanic-Ode, in der Dylan höchst doppelbödig die historische Betrachtung wie die Hollywood-Aneignung durch den Filmklassiker vermischt und zu einem ganz eigenen Drama verdichtet.

Bob Dylan wandelt stilsicher auf den Roots, die seinen Ruf als Verinnerer, Erneuerer und Bewahrer der amerikanischen Songkultur begründet haben. Ob er den Folk an der Wurzel packt oder den Blues streift, südamerikanische Einflüsse würdigt, sein eigenes originäres Schaffen zitiert oder sogar den Blick über den Teich richtet, um der britischen Songkultur mit einer besonderen Hommage an den großen John Lennon zu erweisen. All das misst die Größe dieses begnadeten Musikers und Literaten aus, in dessen Fußstapfen viele zu wandeln versuchen, allein die Eindrücke, die Dylan in der Musikgeschichte hinterlassen wird, sind so gigantisch, dass neben diesem Riesen selbst die Allerbesten wie Zwerge erscheinen.

Zeichnete sich dieser rebellische und poetische Geist von Beginn seiner Karriere an durch eine besondere Fähigkeit zur Reflexion aus, erfährt die nun die Steigerung durch den altersweisen, der Vergänglichkeit nicht ausweichenden Blick auf Gott und die Welt und ihren wahrlich nicht beruhigenden Zustand, der eine weitere Deutung des Sturm-Titels zulässt. Denn es geht in Dylans Poesie auch um die stürmischen Zeiten, in denen wir leben. Und wer das Symbol “Titanic” nicht auch als Fanal des drohenden Untergangs liest, unterschätzt den Apokalyptiker in diesem wichtigsten Dichter und Denker der Gegenwart, der sich nicht als Mahner erhebt, aber als Ahner zu erkennen gibt. Und die Chuzpe, die Robert Allen Zimmerman an den Tag legt, diesen gewaltigen Song in die Harmlosigkeit eines Walzers zu kleiden, zeigt seine Genialität. “The Last Waltz” ging mir spontan nach den ersten Takten durch den Kopf.

Das ganze Album ist auch musikalisch ein Geniestreich, schon allein deshalb, weil Dylan und seine Musiker (Tony Garnier, George C. Receli, Donnie Herron, Charlie Sexton, Stu Kimball und David Hidalgo) sich ganz in den Dienst der Lyrics stellen und die kongenialen klanglichen Texturen dafür schaffen, ihnen dabei aber die reine Freude am Tun, das sich von Stil zu Stil speilen anzumerken ist. Ob da der “Duquesne Whistle” südstaatenmäßig über die Gleise schuffelt oder “Soon After Midnight” einen extra Schluck Blues-Bourbon nimmt, ob “Narrow Way” mit Rost auf den Seiten aus der Garage rockt oder “Tin Angel” mit stoischer Bluesfolk-Ruhe ein Unheil namens Henry Lee verbreitet, die Settings von Stories und Sounds sind eng umschlungen wie Liebespaare.

Wenn der Titelsong natürlich der Dreh- und Angelpunkt des Albums ist, kann man bei jedem neuen Hören einen anderen Song zu seinem Favoriten erklären. Mir persönlich hat es vor allem die traumwandlerisch schöne Banjo-Ballade “Scarlet Town” angetan, das wie eine verlassene Westernstadt wirkt, die im Aufstauben der Erinnerung noch einmal zum Leben erblüht als Stadt der sieben Weltwunder, der das Ende naht, als Ort von Gut und Böse. Das ist eine Inventur mit im Vorüberziehen präzise skizzierten Figuren, mit Liebe und Schmerz und Drogen, um den zu bekämpfen – eine noch anfassenderer Abgesang als im Titanic-Szenario, weil er einem so nahe kommt wie ein persönliches Erlebnis. Grandios und traurig.

Und mein Herz hängt schon aus alter Verbundenheit zum britischen “Working Class Hero” auch am den großen Zyklus abschließenden “Roll On John“, eine späte, umso aufrichtigere Würdigung John Lennons, in der Dylan sogar die Eröffnungszeile von “A Day In The Life” zitiert. Auch eine Art Versöhnung mit dem Liverpooler, der in seinem Song “God” mit der depressiven Botschaft “I don’t believe in Zimmerman – I don’t believe in Beatles” die Größe und Bedeutung des eigenen und des Amerikaners Schaffens in (Selbst-)Zweifel zog. Genau diese Unantastbarkeit und Einzigartigkeit ist aber in diesem biblischen Werk Dylans angelegt, das Mahnmal und Denkmal zugleich ist.

Leider steht mal wieder kein frei verfügbares Videomaterial zur Verfügung, dnarum müsse zwei filmische Dokumente aus der Vergangenheit herhalten, die würdig sind, auf den Genius von Bob Dylan als Geschichtenerzähler zu verweisen.

“Tempest” dokumentiert und manifestiert somit nachdrücklich den Status von Bob Dylan als “Heiliger Vater” des Songwritings. Gebt dem Mann endlich den verdienten Literatur-Nobelpreis!



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