Musik - 28.09.12 -

Das Debütalbum des Jahres - Track by track

Andrea Schroeder – Sinnlicher war Melancholie noch nie

Heute erscheint ein famoses Album, das bereits die Gazetten rauf und runter gefeiert wird – und das nicht nur hierzulande. Schon vor einigen Wochen haben wir uns festgelegt, dass “Blackbird” von Andrea Schroeder das Debütalbum des Jahres 2012 ist und mit Sicherheit auch in den einschlägigen Jahrespolls ganz weit vorne landen wird. Denn es ist ein dunkles Meisterwerk mit wunderbar schwermütigen Rockchansons, getragen von einer Sängerin, deren dunkles, geheimnisvolles Timbre einen umgehend in den Bann schlägt und betört. Bonjour tristesse!

Die musikalische Entdeckung des Jahres fasziniert mit bittersüßen Songs, die das Dunkle, Abgründige beschwören mit einer überaus sinnlichen Stimme, die für dieses finstere Terrain geradezu geboren scheint. Erhaben schreitet Andrea Schroeder durch ihre Mollancholien, die wie im Zwielicht geschrieben und aufgenommen zu sein scheinen. Man lauscht benommen dieser schönen Amsel und ihrem verführerischen, verrucht-verrauchten Gesang, der an die Velvet Underground-Muse Nico (Christa Päffgen) erinnert, an die junge Marianne Faithfull und an Carla Torgerson (The Walkabouts), in erster Linie aber unverwechselbar Andrea Schroeder ist, die uns auf den zehn Songs durch ihr Reich schöner Schatten führt. Kongenial unterstützt wird sie dabei von ihrem Lebensgefährten Jesper Lehmkuhl (Farmen), der mit Ausnahme des einzigen deutschsprachigen Songs “Kälte” alle Kompositionen mit Andrea gemeinsam geschrieben hat. Ein Traumpaar der Töne!

Die Harmonie, aber auch die positive Spannung zwischen ihr und dem Dänen ist offenbar und gibt dem Songwriting die eindringliche, tiefgründige Note. Und so ist ein ungeheuer reifes Werk der Berliner Songpoetin entstanden, die sich von ihren Lyrics in die Musik leiten lässt und dabei ihrer Intuition folgt. Laut eigener Aussage grübelt sie nicht lange über ihre Songs. „Die besten Lieder sind immer die, die einfach nur so runtergeschrieben sind“, steht auf der Seite ihres Labels Glitterhouse Records zu lesen. „Sicher ändere ich manchmal noch den Song oder ziehe das Gedicht mit der Struktur zusammen. Aber in der Grundidee des Songs ist nichts erzwungen. Mit der Melodie verhält es sich genauso. Es ist nicht komponiert, sondern eher zugelassen. Wir folgen den Worten.“

Glänzend produziert wurde “Blackbird” von Chris Eckman (The Walkabouts, Dirtmusic), der hier die Kunst des Weglassens beherrscht und die Songs auf das Wesentliche ihrer Wirkung reduziert. Und das ist in erster Linie der dunkle Klang von Andrea Schroeders Stimme, der einem einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Eckman dekantiert den Gesang der Songpoetin förmlich wie einen Wein, lässt ihm Raum zum Atmen und zum Entfalten seines wunderbar herben Aromas mit einem Rauch Restsüße. Wahrlich wie “Blackberry Wine”, einem der herausragenden Songs auf dem Album, bei dem Andrea Schroeder sich die Lyrics von Garry Heffern geliehen und angeeignet hat. Und wo wir gerade schon bei den einzelnen Songs sind, hier jetzt die bereits versprochene Track-by-track-Review.

Paint It Blue: Umgehend nimmt einen die Präsenz von Andreas Stimme gefangen, die in dieser sich von Ton zu Ton verdichtenden Americana-Rockballade weit vorne steht zwischen den sie umschmeichelnden Streichern, den akzentuierten Gitarrenriffs und pointierten Percussions. Was für ein grandioser Albumauftakt.

Bebop Blues: Ganz großartig die Gitarrenarbeit von Jesper Lehmkuhl, die diesen schwer atmenden, dunklen Blues führt, in dem Andrea perfekt die düstere Atmosphäre für die Lyrics von Charles Plymell schafft.

Wrap Me In Your Arms: Ein ungeheuer schöner, warmer Lovesong mit akustischer Gitarre, zarten Drums und sanften Cellostrichen, den Andrea einfühlsam aus der Verlorenheit in die Geborgenheit führt. Mit seiner Refrainzeile “Wrap Me in Your Arms, wrap me in your love, sweet one” überträgt die Sängerin die Umarmung des Songtitels unmittelbar auf den Hörer. Für mich das ultimative Liebeslied dieses Herbstes.

Ghost Ship: Dieses musikalische Geisterschiff treibt einsam und verlassen durch die “Sea of love” auf den gleichmäßigen Wellen von Lehmkuhls akustischer Gitarre, die er mit bedrohlichen Farben der elektrischen zur aufgewühlten See antreibt. Und während die Glocke schlägt, lässt Andrea den Song und das Meer mit in einem Tränenfluss anschwellen.

Death Is Waiting: Für die Aussicht auf den Tod schleicht dieser taummelnde Country-Walzer sehr gelassen und entspannt um die Ecke und zeichnet das Jenseits als wenig Furcht einflößendes Western-Panorama. Andrea nimmt uns mit dem Versprechen, dass dort die Freiheit auf uns wartet, bei der Hand und führt uns auf die andere Seite. Wer hätte da kein Vertrauen?

Blackbird: Der Titelsong ist einer der besten Chansons noirs, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Wunderschön, wie Text und Musik sich hier verbinden zu einer unwiderstehlichen Ballade. Andrea verwandelt sich hier selbst in die besungene Amsel und macht diesen “song of blood-red roses” zu einem der Highlights dieses durchgehend exzellenten Albums. Ein großes Kompliment auch an Chris Eckman, dessen feinfühliges Streicher-Arrangement absolute Weltklasse ist.

Blackberry Wine: Wie viel wenig sein kann, beweist das geniale Gitarrenriff von Jesper Lehmkuhl, das die Grundlage für den herausragenden Track des Albums bildet. Die in den Song strömenden herbstlichen Lichtstrahlen brechen die Finsternis dieser mächtigen, Atem beraubenden Hymne, in die Andrea mit ihrer Shrutibox (indisches Musikinstrument) zum Schluss noch eine unheimliche Aura fächelt.

Winter Days: Die Uhr tickt bereits und läutet die Wintertage ein, die einen dank der holzwarm knisternden Stimme von Andrea nicht frösteln lassen. Diese Ballade flaniert verträumt aus dem Herbst mit akustischer Gitarre und Besenschlagzeug. Ein zarter Atemhauch von Song.

Dark Nightingales: Wieder gilt es in besonderem Maße das subtile Gitarrenspiel von Jesper Lehmkuhl und die von Eckman wohl dosierten und perfekt platzierten Streicher zu loben, die Andrea hier viel Raum geben, sich zu entwickeln, behutsam durch die Dunkelheit der Lyrics zu tasten und mit Kraft in die Nebelschwaden des Songs zu entschwinden.

Kälte: Im Finale werden die poetischen Fähigkeiten von Andrea Schroeder noch einmal ganz offensichtlich. Ihr mit sparsamsten Klängen von Piano, Wurlitzer, Hammond, Harmonium und Glockenschlägen unterlegtes Gedicht ist feinste lyrische Melancholie, eskortiert von ein wenig Marschrhythmus. So endet dieses fabelhafte Album mit dem atmosphärisch dichtesten Lied und lässt einen mit dem Gefühl zurück, hier einer Amsel gelauscht zu haben, von der man noch viele solcher Herz erwärmender Songs hören wird.

www.andreaschroeder.com

www.myspace.com/andreaschroedermusic



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