Musik - 23.09.12 -

Eine Droge namens Swans

Mein lieber Schwan, was für ein Albummonster

Eine blutrünstige, zähnefletschende Bestie prangt auf dem schwarzen Cover von “The Seer”, der legendären amerikanischen Band Swans, die mit ihrer undefinierbaren Mischung aus Postrock, Noise-Rock und Industrial Schmerzgrenzen überschreitet. Ein wahres Monster ist das neue Album – ein ebenso faszinierendes, fremdartiges wie gefährliches, Furcht einflößendes Wesen, dem man sich nur voller Forscherdrang widmen und willenlos ergeben kann. Entdeckt sein muss es in jedem Fall, ist es doch mit Sicherheit das progressivste, komplexeste Musikwerk des Jahres.

Allein das 32minütige Titelstück bedeutet eine einzige Hörerherausforderung, dessen mächtige, mäandernde Monotonie eine einzige meditative Magie beschwört. Zunächst klingt der Track als würden alle Dudelsäcke der Welt durch eine gigantische Schrottpresse gewalzt, dann rollen die gepressten Klangwürfel über ein immer schneller rollendes Percussion-Fließband, an dessen Ende überdimensionale stählerne Gitarrenkräne die Reste einsammeln und zu feinstem akustischen Staub schreddern. Der nackte neurotische Wahnsinn, der einen in bewusstseinserweiternde Trance versetzt.

Nicht weniger intensiv und innovativ geht es auf den übrigen zehn Tracks des Doppelalbums mit einer Gesamtspielzeit von exakt 119:09 Minuten zu, auf denen die Schwäne alle Register der Unberechenbarkeit ziehen, gelegentlich melodische Harmlosigkeit vortäuschen, um einem dann die eskapistischen Pranken und Zähne ihrer entfesselten Wildheit ins Fleisch zu treiben. “The Seer” ist ein zum Ungeheuer mutierender Klangkiller, der geduldig nach Opfern sucht und wer sich in dieses Schattenreich begibt, ist für immer verloren. Mastermind Michael Gira selbst fasst es auf der Webseite von Young God Records so zusammen: “The Seer took 30 years to make. It’s the culmination of every previous Swans album as well as any other music I’ve ever made, been involved in or imagined. But it’s unfinished, like the songs themselves. It’s one frame in a reel. The frames blur, blend and will eventually fade…Our goal is the same: ecstasy!”

Ob die gängigen Hörgewohnheiten bei “Lunacy” auf dem atonalen Altar einer schwarzen Musikmesse geschlachtet oder übergangslos der vielstimmigen “Mother Of The World” anvertraut werden, immer bleibt man im Ungewissen, wann und wo die nächste Soundüberraschung, der nächste Klangüberfall lauert. “The Wolf” schleppt per akustischem Grundrauschen schon alle Unheimlichkeit mit sich rum, wenn das Raubtier sich dann in “The Seer” verwandelt und durch das metallische Hallen eines dichten Industrial-Waldes schleicht, beginnt man innerlich schon um sein Leben zu rennen. Über eine halbe Stunde lang, wie gesagt.

“The Seer Returns” zerrt am aufgerissenen Kadaver und schleift die Torsen von Aas weg in irgendeine unzugängliche Schlucht, wo perkussive Steinschläge die übrig gebliebenen Knochen zermahlen. Aber glaubt nicht, dass die Swans im Jenseits Ruhe geben, sie foltern Eure zu Lebzeiten an Faust verpfändeten Seelen in der Klanghölle weiter. “93 Ave. Blues” ist die postmortale Streckbank der Stimmen und Geräusche, die der Erinnerung an das körperliche Leben die letzte Haut abzieht. Nach so viel Pein haben wir uns etwas Versöhnliches wie “The Daughter Brings Water” redlich verdient. Fast schon ein Balsam dieser Song mit seiner akustischen Gitarre und dem Glockenspiel, wenn da nicht dieses finster dräuende Echo aus dem Hades weiteres Unheil verkünden würde.

Aber zunächst belassen es die Swans erst einmal bei der Besänftigung der geschundenen Kreatur und schenken einem sogar einen zutiefst friedlichen und harmonischen Augenblick mit Karen O., die den “Song For A Warrior” anstimmt als versöhnliche Hymne einer Hoffnung, die kathartischen Qualen des Fegefeuers hinter sich zu haben. Eine trügerische Hoffnung natürlich, denn schon läutet “Avatar” zur nächsten Büßerstunde in einer eiseskalten unterirdischen Kapellengrotte, die aus Stalakmiten und Stalaktiten erschaffen ist, die aber prismengleich zu schillern beginnen wenn der Gesang Licht hineinströmen lässt. Danach kann man von da unten dann auch tatsächlich “A Piece Of Sky” erblicken, von dem es allerdings Regen prasselnd gewittert – was auch sonst? Der Zorn des Sehers scheint einfach unerschöpflich und geißelt das Gehör weiter, um es endgültig von allem Gewohnten zu befreien.

Die Sirenen ferner Sonnensysteme umgarnen das irrlichternde, durch Zeit und Raum fallende Etwas, als das man sich mittlerweile empfindet. Der Läuterung letzter Gang wird mit “Apostate” angetreten – einer kakophonischen Zentri-Fuge, die einen als Mikroteilchen durch die Unendlichkeit schleudert, verloren und gefangen zugleich. Der letzte Ton schließlich der Eintritt in eine neue Dimension – Erlösung! Zwei Stunden Staunen mit vor Angst weit aufgerissenem Mund und in Körperwelten-gleich plastinierten, in feinste Schichten geschnittene Ohren. So viel verstörende und gleichzeitig fesselnde Avantgarde gab es seit Scott Walkers “Tilt” und “The Drift” nicht mehr.

Nichts für Zartbesaitete und Konformisten, für alle anderen eine metaphysische Erfahrung, eine Offenbarung!

swans.pair.com

younggodrecords.com



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