Musik - 09.09.12 -

Das dynamische Desperado-Duo

Two Gallants mit voller Wucht zurück

Diese Spätsommertage 2012 werden mir lange im Gedächtnis bleiben. Denn eine dermaßen hohe Veröffentlichungsdichte an Prachtalben binnen weniger Tage ist äußerst selten. Man kommt kaum nach, die zahlreichen Meisterwerke angemessen abzufeiern. Aber so ein strahlend blauer Himmel verlockt zu Rezensionstaten auf dem Balkon, damit mir auch keiner der lobenswerten Musikanten zu kurz kommt. Kurz und schmerzlos wie ihr neues Album “The Bloom And The Blight” lassen sich jedenfalls die Two Gallants würdigen, die wieder zusammengefunden haben und gleich wieder an ihre alte Klasse anknüpfen.

Nachdem sich Adam Stephens und Tyson Vogel für einige Jahre und mäßig erfolgreiche Soloprojekte getrennt hatten, harmonieren sie auf dem neuen Album wie zu alten Zeiten und beeindrucken abermals durch die ungeheure Energie und Dynamik, die sie als Duo zustande bringen. Da können sie mühelos den mittlerweile der Vergangenheit angehörendenWhite Stripes das Wasser reichen. 1970 titulierten sich Hardin & York per Album selbst  als “The world’s smallest big band.” Eine Zeile, die man auch den Two Gallants zubilligen könnte, deren alternativer Folkrock daherkommt wie Pistolenschüsse.

Roh, rauh, dreckig, schnörkellos sind die Attribute, die mir umgehend zu “The Bloom And The Blight” einfallen, das den Bogen zum Durchbruchalbum “What The Toll Tells” aus dem Jahre 2006 spannt. Auf dem neuen Album klingt die Band aus San Francisco sogar noch eine Spur rotziger, was an den teils skizzenhaft anmutenden Songs liegen kann, die etwas Unfertiges haben wie direkt aus der Garage gespielt. Und genau dieses staubige, schmutzige, rostige verleiht Liedern wie dem Opener “Halcyon Days” einen besonderen Charme. Stephens schneidende Gitarre und kratzig-schreiende Stimme sowie Vogels wuchtiges Drumspiel verbinden sich hier gleich zum Beginn zu einer sehr präsenten Power, die in “Song Of Songs” gleich weiter getrieben wird und im giftigen “My Love Won’t Wait” mit seinen beißenden Riffs den vorläufigen Höhepunkt findet.

Selbstverständlich frönen die beiden auch noch ihrem Hang zu Lagerfeuer flackernder Western-Romantik, die mit “Broken Eyes” gewohntes Schmachten und Liebesweh verbreitet. Da wird Stephens umgehend wieder zum sehnsüchtigen lonesome cowboy, der seinen Sehnsuchtsschmerz mit akustischer und Mundharmonika trefflich umsetzt. Auch das elegische, friedfertige und mit Streichern und Chorgesang angereicherte “Decay” setzt einen besänftigenden Kontrapunkt zur Aggressivität, die die wilderen Rockhengste an den Tag legen. ”Ride Away” erinnert mit seinem Eröffnungsriff ein wenig an die Anfänge mancher Brandos-Songs bevor stürmende E-Gitarren und Drums den Country-Staub aus diesem Vergleich prügeln. Volle Saitenkraft voraus galoppiert dieser Song nach vorn und lässt die Zügel los. “Winter’s Youth” fängt mit dem Lasso wieder zartere Gefühle ein, die im Laufe des Songs aber heftigeren Riff-Ausdruck erfahren, um dann mit der akustischen erneut versöhnt zu werden. “Willie” kommt wie ein alter Two Gallants-Freund daher – ein sympathischer Song-Hobo auf dem Weg nach Irgendwo.

Hysterische Höhen erreicht Stephens Stimme beim auf flockiger Gitarre dahinrollenden und für Two Gallants Verhältnisse fast mainstreamigem “Cradle Pyre”, dessen Finale sich diesem Eindruck aber geschickt entzieht. Mit ihren “Sunday Souvenirs” macht das Duo eine kleine harmonische Rast vom Ungestüm und huldigt erneut den Traditionen des American Songbook. Der erste Bonustrack “Dyin’ Crapshooter Blues” ist ein melodisch mächtiger Brocken, der dank seiner stampfenden Riffs kräftig mit den Hufen scharrt. “I’m So Depressed” schließlich ist einer dieser traurig schönen Klagegesänge, mit denen Stephens die Steine des Grand Canyons erweichen könnte, auch wenn es ausgerechnet hier zum Schluss nicht nötig getan hätte, noch einmal die Regler der Gitarre aufzudrehen. Aber vielleicht muss dei Depression so weggeblasen werden.

Alles in allem eine krachende Rückkehr der Prärie-Rocker, die live zu erleben höchstes Vergnügen bereiten dürfte.

www.twogallants.com



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