Musik - 09.09.12 -

Der zweite Streich der jungen Londoner

The XX oder die Kunst, den Atem anzuhalten

Die Erwartungen an das zweite Album von The XX waren nach dem fulminanten, u.a. mit dem Mercury Prize ausgezeichneten Debüt der britischen Indie-Rockband fast schon schwindelerregend hoch. Das Erstaunliche ist, wie konzentriert und von allem Hype und Druck offensichtlich unbeeindruckt und nicht irritiert die Londoner auf dem Nachfolger agieren, für den sie sich drei Jahre Zeit gelassen haben, was sich als kluge Entscheidung erweist.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von “Coexist” gestreute Gerüchte, die Londoner würden ihre Musik verändern und damit möglicherweise ihre Magie riskieren bestätigen sich ebenso wenig wie die Mutmaßung, die Band ginge auf Nummer Sicher und trete auf der Stelle. Die Wahrheit ist, dass The XX sich im Rahmen ihrer Soundphilosophie stringent und konsequent weiterentwickelt haben und zwar behutsam und mit Augenmaß – hier ein paar clevere Sample-Spuren, dort einige akzentuierte Beats von Jamie Smith - ohne das originäre Klanggefüge der Band ins Wanken zu bringen. Romy Madley Croft und Oliver Sim bilden weiter das sensible Zentrum dieser höchst fragilen Songgebilde, die im Indierock derzeit einzigartig sind. Schon deshalb hätte es keinen Sinn gemacht, die Charakteristika gänzlich in Frage zu stellen und einer unmotivierten Lust am Experimentieren zu unterziehen.

So bleibt die Musik von The XX flüchtig und dünnhäutig wie die fluoreszierenden Bilder des Artworks, das Croft mit Phil Lee zusammen entworfen hat – kreative Seifenblasen, die hier allerdings keineswegs für zerplatzte Träume stehen, sondern für eine musikalisch einzigartige Illumination. Die liegt gewiss auch an der tiefen Vertrautheit von Romy und Oliver, die sich schon von Kindesbeinen an kennen und bereits als Teenager eine besondere Form von Duett fanden, bei der sich zwei individuelle Blickwinkel auf das gleiche Thema kongenial zu einer Weltsicht verbinden. Eine höchst bemerkenswerte Balance aus Melancholie und Hoffnungsschimmer, die “Coexist” sicher durch die 11 Songs trägt, die sich zunächst wieder durch ganz kurze Titel auszeichnen. Kein Wort zu viel, kein Ton zuviel, das scheint die Maxime der Band, die das Prinzip “Weniger ist mehr” offenbar verinnerlicht hat. Und dass setzt sich in der Art des Songwriting und Songbuilding fort. The XX verstehen sich wie derzeit keine andere Band auf die Kunst der Pause, das Auslassen, das zum Ausrufezeichen wird. Wie etwa in “Missing”, wo einfach mitten im Song mal für ein, zwei Sekunden totale Stille herrscht.

“Angels”, das das neue Album eröffnet und eine stlistische Klammer mit dem abschließenden “Our Song” bildet, ist ein Hauch aus kristallklarer Gitarre, behutsamen Bassnoten, toll gesetzten Beats und Crofts sehnsuchtsvoller, raumfüllender Stimme, die im Endlosen verhallt, wo der Sound von The XX für mich verortet ist, durch Raum und Zeit gleitend wie ein Schwarm von Lichtkometen in der Finsternis. So einsam und verloren diese zarten, kargen Songgebilde auch klingen mögen, da ist doch immer ein Du, das angesprochen wird. Es ist vor allem auch diese besondere Art von Dialog zwischen Croft und Sim, die einen berührt und der Musik von The XX eine ungeheure Intimität verleiht. Die Musik der Band wirkt dadurch oft so nah als würde man dem Momentum der Intuition beiwohnen und dem Entstehen der Songs unmittelbar zuhören.

“Chained” mit seiner treibenden Struktur ist ein gutes Beispiel für diese Symbiose der Freunde, deren Seelenverwandschaft die Emotionen der Songs authentisch und glaubwürdig trägt. Schön, dass Crofts gefühlvolles, spannendes Gitarrenspiel als Ankerpunkt der Musik geblieben ist. Für die angesprochene Weiterentwicklung der Band stehen stellvertretend drei Songs. Zum einen “Reunion”, das mit seinem wunderbaren Hang-Klang (da hat der aufgeweckte Jamie Smith sicher bei den Londoner Jazz-Kollegen von Portico Quartet genau zugehört), Glitzer-Gitarre und Duett-Gesang aus sich heraus zu wachsen scheint, wenn es den Bass-Puls nach vorne spült wie einen Herzschlag, der sich in pumpenden Flow auflöst, der gleich die Kettenreaktion zum nächsten Song “Sunset” anstößt. Fabelhaft! Ich frage mich, wo rührt diese seltsam berührende Traurigkeit und Verletzlichkeit her, die zugleich mit einer so großen inneren Stärke der Musiker einhergeht? Diese unerklärliche Ambivalenz lässt die Musik von The XX eigenartig vibrieren wie keine zweite.

Zum Zweiten ist da das zwischen hartem Beat und zartem Gesang pendelnde “Tides,” das in seiner Einfachheit ungeheuer verdichtet wirkt und dann auch gleich wieder das sphärische, hymnische “Unfold” in größere Höhen katapultiert. Und schließlich ist da die Schönheit von “Swept Away”, in dem das angesprochen Dialogische zwischen Croft und Sim absolut perfekt funktioniert und flankiert wird von kongenialen Percussion-Patterns von Jamie Smith und Bass- und Gitarrenlinien, die das Soundbett wie auf Säulen tragen. Der bisher beste und komplexeste Song von The XX, denen sicher noch viele folgen werden, wenn sich dieses Trio seine fast stoische Ruhe und Konzentration bewahrt und weitere “Koexistenzen” des eigenen Sounduniversums erschafft.

Man hält den Atem an und für einen Moment scheint die Welt in diesem Klang stillzustehen.

XX-traordinary, XX-citing!

thexx.info



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