Musik - 09.09.12 -

20 Klasse-Songs

Aufregend unaufgeregt – Mark Knopflers großes Alterswerk

Keine Ahnung, wie der Wein dieses Jahr wird. Der Musikjahrgang jedenfalls ist exquisit, auch weil die älteren Jahrgänge edle Songtrauben pressen wie selten zuvor. Zu Beginn des Jahres Leonard Cohen mit seinem ergreifenden “Old Ideas”, dann Loudon Wainwright III im Frühjahr mit dem vielschichtigen “Older Than My Old Man Now.” Bill Fay haben wir gerade als Wiederentdeckung des Jahres gefeiert, vom neuen Van Morrison darf man sich auch Großes erwarten, der alte Knochen Neil Young wird uns im Oktober mit “Psychedelic Pills” abhängig machen und “Holy” Bob Dylan schließlich tritt mit “Tempest” an (von MOJO bereits mit 5 Sternen als Meisterwerk gefeiert – unsere Rezension folgt in Kürze). Mark Knopfler, der mit Dylan zuletzt auf einer gemeinsamen erfolgreichen Tour harmonierte, vollendet den Reigen der kreativen Senioren mit seinem ebenfalls überaus reifen Alterswerk “Privateering.”

Bleiben wir gleich bei der Analogie für Weinkenner. Das neue Album des früheren Dire Straits-Kopfes hat viel Sonne abbekommen. Dementsprechend voll ist es mit 20 Songs und die sind allesamt von besonderer Reife und einer gesunden Balance aus Süße und herber Schwere. Das reiche Bukett entfaltet sich langsam mit einem zarten Schmelz auf den Gehörgängen. Angefangen beim melancholischen “Redbud Tree”, dass den Reigen der auf dem Album reichlich vorhandenen Balladen eröffnet, mit dem unverwechselbaren Klang der Knopfler’schen Sologitarre gesegnet. Gleich anschließend der schöne Celtic Blues “Haul Away”, der die nachdenkliche Stimmung fortführt. Es scheint, dass der 63jährige Brite ein wenig Inventur macht und das macht “Privateering” zu einem der schönsten Alben seiner Solokarriere, die an guten Veröffentlichungen nicht gerade arm war. Alle seine Soloalben landeten in den deutschen Album Top Ten, mit “Sailing To Philadelphia”  schafte Knopfler sogar den Sprung auf Platz 1 der Liste.

Auf diesem Doppelalbum nun schöpft Knopfler all seine Talente gelassen, unaufgeregt, souverän aus und  führt all das zusammen, was man von ihm kennt, die Verwurzelung in Folk und Country mit teils keltischem Einschlag, Rock und Blues mit gelegentlichem Shuffle-Charkter und Singer-/Songwriter-Qualitäten, mit denen der “Sultan of Swing” auch mühelos mal ein rein akustisches Album füllen könnte. Und so kann man sich als Hörer an der Vielfalt des Schotten erfreuen, der nicht mit Songperlen geizt. Ob der Altmeister mit “Don’t Forget Your Head” einen schleppenden Blues im Stile eines Eric Clapton ansetzt oder mit dem wunderbaren Titelsong das Herz erobert, ob er locker ein wie hingehaucht wirkendes Liebeslied à la “Miss You Blues” präsentiert oder locker vom Hocker durch “Corned Beef City” rockt, Knopfler beherrscht sämtliche Klaviaturen seines musikalischen Kosmos. Herausragend auf diesem wirklich durchgehend guten Alben sind die ruhiger gehalteneren Songs, neben den bereits erwähnten das zarte “Go, Love”, das keltisch gefärbte,  in seiner hymnischen Erhabenheit an Loreena McKennitt erinnernde ”Kingdom Of Gold” oder das besinnliche “Dream Of The Drowned Submariner” mit einer verträumten Oboen-Verzierung.

Unbedingt erwähnenswert: die tolle Harmonica-Bluesnummer “Hot Or What” mit Ragtime-Piano, die in den schnelleren Ausprägungen “Got To Have Soemthing” und “I USed To Could” gut aufgelegte und im Feeling bestens harmonierende Soulsisters findet. So viel Mouthharp wie hier war bei Knopfler noch nie und findet im von Knopfler-typischen Gitarrenlinien gezeichneten “Bluebird” seinen Höhepunkt in großartig akzentuierten Soli der beiden Leadinstrumente. Da hat Knopfler wohl bei Meister Dylan gelernt. Fassen wir das Ganze noch mal im Weinjargon zusammen. Schon das erste Verkosten dieser Knopfler-Auslese verwöhnt den guten Musikgeschmack und auch im Abgang schmeckt “Privateering” lange nach. Sollte in keinem guten Plattenkeller fehlen. Und um den Bogen kurz zum Einstieg zurückzuschlagen: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie leistungsfähig und inspiriert Ältere arbeiten, schaue man sich nur die Best-of-Liste der Alben dieses Jahres an. Superb!

www.markknopfler.com



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