Musik - 16.08.12 -

Der heimliche Hitschreiber

Phillip Boa, der große Indie-Souverän

Ist Phillip Boa etwa auf den Hund gekommen? Ja, aber nur was das Cover-Artwork seines neuen Albums “Loyalty” betrifft. Die Songs auf dem aktuellen, mittlerweile 17. Opus hingegen weisen den Indie-Rocker als gerissenen Hund – oder liebevoller gesagt als alten Fuchs – aus. Ein Musiker, der seine Stärken kennt und sie gelassen und in Würde gereift ausspielt wie eine Hand voller Trümpfe. Das schätze ich wirklich sehr an diesem Mann. Boa hat immer konsequent seine ureigenen Karten gemischt ohne zu kiebitzen und sich dabei nie verzockt.

Die neuen Songs haben reichlich Dampf, was sicher auch der leidenschaftlichen Voodooclub-Mitwirkung von Drummer und Co-Produzent Brian Viglione (Dresden Dolls/Nine Inch Nails), Oli Klemm (Sankt Otten), Maik T. (How To Loot Brazil) sowie Keyboarder Toett zu verdanken ist. Der Meister selbst sorgt dafür, dass die geballte Energie in melodische Bahnen gelenkt und in den bekannt treffsicheren Duetten mit Dauerelfenstimmbegleitung Pia Lund in höhere Sphären geleitet wird. Dabei gelingen Phillip Boa mal wieder eine Reihe exzellenter Songs, die weiterhin den Reiz des Sperrigen, Trotzigen in sich haben, ohne sich der Hingebung an Harmonie zu verweigern. Diesen Weg hatte schon das Vorgänger

Wenn einem Langzeitverbündeten wie mir überhaupt etwas beim heutigen Boa fehlt, dann gelegentlich die avantgardistischen I-Tüpfelchen wie der Meister sie früher etwa mit “Pfirsicheisen” gesetzt hat. Aber wenn der ältere Boa nicht mehr ganz die jugendliche Experimentierfreude hat, wer will ihm das verdenken. Das tut der Treue zu ihm keinen Abbruch, die sich stattdessen daran erfreut, dass der Mann zum Indie-Hitschreiber eingängiger Refrains avanciert, die aber immer noch genug Stachel besitzen, um weit entfernt von Mainstream-Harmlosigkeit zu sein. Zwischen all dem Radio-Belanglosigkeitengedudel würden die Tracks von “Loyalty” wohltuend erfrischend und belebend wirken und jungen Menschen deutlich machen, dass Pop nicht nur die Oberflächlichkeit platzender Seifenblasen hat.

Nicht mehr ganz so Jungen wie mir jedenfalls geht bei melancholisch angehauchten Songs wie “Til The Day We Are Both Forgotten” oder “Sunny When It Rains” das Herz auf. Man heißt die Ecken und Kanten von “My Name Is Lemon” oder “Lobster In The Fog” herzlich in den Gehörgängen willkommen wie alte Freunde. Und wenn dann schließlich mit “Under A Bombay Moon Soon” Erinnerungen an “The Laughing Moon” vom Überalbum “Helios” wachgerufen werden, verknüpft das Gefühl innerlich eine altes und ein neues Lieblingslied miteinander. So klingt einer, der sich und anderen nichts mehr beweisen muss und der mit sich und der Welt im Reinen ist.

Das nenne ich mal einen echten Souverän.

www.phillipboa.de



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