Politik - 02.08.12 -

Ein Zwischenruf von Thomas Schubert

Die Erbärmlichkeit der Macht: das Occupy Camp Düsseldorf wurde geräumt

Menschlichkeit ins System

Occupy Düsseldorf kämpft seit knapp einem Jahr für mehr Menschlichkeit

So weit ist es also nun gekommen, dass unsere so genannten Volksvertreter, denen wir in freien Wahlen Macht auf Zeit “verliehen” haben, die wirklichen Vertreter unserer ureigenen Interessen vertreiben. Gestern wurde das Protestlager der bankenkritischen Occupy-Bewegung in Düsseldorf nach zehn Monaten geräumt. Und wen scheint das offenbar nicht zu interessieren? Uns, die das unmittelbar angeht und betrifft, weil hier mit den Räumfahrzeugen auch gleich ein elementarer Teil unserer freiheitlichen Grund- und Werteordnung beseitigt wurde: Das Recht auf Versammlung und freie Meinungsäußerung.

Unsere Demokratie braucht ein update

Aber offenbar sind wir doch zu sehr damit beschäftigt, klaglos ein Finanzdesaster nach dem anderen in Kauf zu nehmen, uns völlig wehrlos dem verbrecherischen Gezocke an den “Märkten” (sind das nicht unsere Märkte, die es von uns zu unseren Zwecken zurückzuokkupieren gilt?) und damit in ein Schicksal zu ergeben, das nichts anderes verheißt, als dass die Mitte unserer Gesellschaft und das Präkariat, also die Mehrheit der Bürger wieder all die Zechen einer gierigen skrupellosen Mehrheit begleichen muss, die sie schon aus Prinzip der eigenen Bereicherung prellt, um auf unsere Kosten Champagner zu saufen, Menschen zu kaufen. Deren elende Protagonisten der selbsternannten Eliten (eher die Versager unserer Gattung, oder?) durch gerollte 500 Euro Scheine Kokslinien ziehen bevor sie dieses Geld als dekadenten Ausdruck ihrer Überlegenheit und Missachtung gegenüber dem Pöbel (und im Pöbeln sind sie selber gut) öffentlich verbrennen.

Demokratie muss aktualisert werden

Der Protest gegen Bankenwillkür und Staatsraison ist kreativer denn je

Wie wenig Wut und Mut haben wir eigentlich, wie tief gesunken sind wir und unsere humanistischen und moralischen Vorstellungen, dass wir uns nicht zur Wehr setzen und ihnen nicht den Rücken stärken, wenn die Occupy-Anhänger in aller gebotenen Friedfertigkeit diese unhaltbaren Zustände anprangern, die zuallererst die Chancengleichheit der Ärmsten sabotieren, und für diese verdienstvolle Wachheit und Klarheit selbst von unserem ach so wunderbaren Bundespräsident Joachim Gauck schon vor seinem Amtsantritt öffentlich belächelt wurden. Einer, der als unser aller Oberhaupt der engste Verbündete dieser “Freigeister” sein müsste. Und wie der Herr so’s Gscherr. Denn der Düsseldorfer Oberbürgermeister Elbers (CDU) hielt es offenbar nicht mal mehr für nötig, in den Dialog mit den Occupy-Aktivisten zu treten, die Redebedarf bezüglich des Verbleibs ihres Camps signalisiert hatten. Gleich nach dieser Abfuhr rückte dann auch gleich die Müllabfuhr an, um das mit viel Liebe und Fantasie aufgebaute Lager zu entsorgen.

Besenrein – blutleer – hirntot

Ordnungspolitisch natürlich alles besenrein sauber, weil ja in der Nacht zu Mittwoch eine Frist verstrichen war, die das Düsseldorfer Ordnungsamt den Demonstranten zur Auflösung des Camps gesetzt hatte. Die Unordnung der Welt und der Aufruhr dagegen in den Händen des Ordnungsamts – geht’s noch? Recht und Ordnung statt Recht und Freiheit also ist des Bürokraten Dogma. Ist ja sicher auch wichtiger dem um die Ecke entstehenden Prestige-Prachtbau von Konsumtempel namens Kö-Bogen den Platz zu räumen als den Kritikern dieses fatalen kapitalistischen Irrwegs und der blinden, am Weltenabgrund balancierenden Konsum- und Wachstumsgläubigkeit den Raum zu geben für ihre Stimm- und Spruchbänder, die nichts anderes verbreiten als die Wahrheit, die wir in Form der drei Affen von Nikko verdrängen.

Vielleicht fühlten sich ja auch ein paar abgetakelte Millionärs-Mätressen am Arm ihrer sonnenbankgebräunten Goldkettchenträger durch den friedlichen Woodstock-Anblick belästigt, als sie sich versehentlich beim Botox-Schaulaufen zwischen Cartier und Gucci in einer der Seitenstraßen der Kö verlaufen haben, und haben mit ihrer Nörgelei der gelangweilten Dauerunzufriedenheit des Immer Mehr, nie genug den Gatten dazu genötigt, doch mal Einfluss an höchster Stelle geltend zu machen. Man kennt sich ja gern in den oberen Etagen von Politik und Wirtschaft, wie uns der Fall Mappus drastisch gezeigt, aber uns offenbar so überhaupt nichts gelehrt hat.

Der Bürger als Sondermüll

Und hier zeigt sich die ganze Erbärmlichkeit der Macht, die marionettenhaft an den Strippen des Kapitals nur noch um sich selbst kreist und das Gemeinwohl längst aus dem Auge und aus dem Sinn verloren hat. So wie es Karl Marx hat kommen sehen, der ein echter Visionär war, mögen seine fanatisch verblendeten Interpreten mit seinem hohen Gedankengut auch noch so dilettantisch umgegangen sein. Die Räumung des Occupy-Lagers in Düsseldorf ist ein düsteres Szenario und Sinnbild dafür, dass wahre Werte ohne jeden ökonomischen Hintersinn wie der letzte Dreck behandelt und anscheinend als gefährlicher Sondermüll betrachtet werden. Und nach bedenklicher wird dieser traurige Umstand durch die Tatsache, dass diese Räumung am Martin-Luther-Platz (wo sollten “Protestanten” besser aufgehoben sein?) im Schutze der Johanneskirche durchgeführt wurde. Wenig tröstlich, dass zumindest der Blick in einige Polizistengesichter eine gewisse Scham über das angeordnete Tun erkennen ließ.

Die täglichen Vollversammlungen wurden meist ins Netz gestreamt

Tägliche Vollversammlungen verboten Foto © Hardy Kurze

Ja haut die Menschlichkeit nur weiter kurz und klein bis nur noch Euer beschissenes Geld übrig ist, materiell oder virtuell. Denunziert die, die nicht nur an sich selbst denken, die sich über die eigenen Grenzen, den Tag und den Tellerrand hinaus für die nachkommenden Generationen einsetzen, als Spinner, Idealisten und naive Weltverbesserer. Aber es werden doch jeden Tag mehr und eines schönen Morgens steigen sie, wie Pfarrer Niemöller es einst prophezeit hat, über die höchsten Zäune der Reichen, die die Armen und Klugen nicht davon abhalten können, sich zurückzuholen, was ihnen gehört und es gerecht zu teilen. John Lennon’s unsterbliche Imagine-Zeile auf den Lippen “You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one…”



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