Musik - 31.07.12 -

Überraschende, fulminante Rückkehr im Freistil

Mit Neneh Cherry ist gut wilde Jazz-Kirschen essen

Mit einer Rückkehr von Neneh Cherry war kaum noch zu rechnen. Schon gar nicht aber war bei einem Comeback der Sängerin mit einem Album wie “The Cherry Thing” zu rechnen, das Lichtjahre von “7 Seconds” entfernt ist und mit seiner radikalen Explosivität einer Free Jazz Offenbarung gleichkommt. Ein echter Coup der 48jährigen in gemeinsamer Sache mit dem Trio The Thing, die dem Geist ihres Stiefvaters, des legendären Jazztrompeters Don Cherry alle Ehre macht.

Bewundernswert allein schon der Mut von Neneh Cherry, nicht einfach da wieder anzufangen, wo sie Mitte der 1990er Jahre so erfolgreich aufgehört hat, sondern den Pfad der Popularität zugunsten der Progressivität zu verlassen. Zusammen mit ihren Landsleuten Mats Gustafsson (alto, tenor, baritone and slide saxophone, Live electronics), Ingebrigt Håker Flaten (bass and live electronics) und Paal Nilssen-Love (drums) geht die Schwedin im Free Jazz aus sich heraus und bildet die Mitte dieses radikalen Projekts, das mit seinen entfesselten dynamischen Improvisationen nicht weniger als spektakulär ist.

Das Songmaterial dieses Coveralbums ist es auch, denn Cherry & The Thing trauen sich an so unterschiedliche Extreme wie Don Cherry, Martina Topley-Bird, Ornette Coleman, Suicide, The Stooges, MF Doom. Der Opener “Cahback” stammt aus der Feder von Neneh Cherry, die auf dem Album nicht mit ihren Gesangskünsten prahlt, sondern sie ganz in den Dienst der durchweg gelungenen Kollaboration stellt. Die klingt als hätten sich die Geister des Free Jazz mit Tom Waits, Morphine und Skunk Anansie Downtown New York im letzten Barschuppen des Big Apple zu einem finalen Stelldichein versammelt, um zerfetzte Jazzlinien wie Koks durch die Nase zu ziehen und als magische melodieverlorene Mantras wieder heraus zu halluzinieren.

So ein faszinierender Track wie “Accordion” war dieses Jahr noch kaum zu hören. Und die übrigen sieben musikalischen Expressionen stehen dem in nichts nach und sind wie Fisherman’s Friend für Gehör und Gehirn – sie blasen die Sinne kräftig durch. Sind sie zu stark bist Du zu schwach für das Jazzalbum des Jahres, wenn nicht sogar für den Longplayer 2012 schlechthin. Potzblitz, lässt mich dieses wilde Ding staunen und respektvoll die Schiebermütze ziehen.

The Cherry Thing Tracklist:

01. Cashback (Neneh Cherry)
?02. Dream Baby Dream (Suicide)
03. Too Tough to Die (Martina Topley-Bird)
?04. Sudden Movement (Mats Gustafsson)
?05. Accordion (Madvillain)
06. Golden Heart (Don Cherry)
?07. Dirt (The Stooges)

www.facebook.com/nenehcherryofficial

www.thingjazz.com



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