Musik - 07.07.12 -

Großartige Country Rock Oper

Die Poesie der Prärie: Giant Giant Sand

Giant Giant Sand? Ist Howe Gelb nach dem 25-jährigen Bandjubiläum und 26 Alben jetzt etwa größenwahnsinnig geworden, seiner Band Giant Sand noch ein weiteres Giant voranzustellen? Weit gefehlt! Für “Tucson”, sein 27. Werk hat er diese namentliche Erweiterung lediglich vorgenommen, um zwei Besonderheiten hervorzuheben. Zum einen handelt es sich bei der Hommage an die Heimatstadt um die erste “Country Rock Opera” der Musikgeschichte und zum zweiten ist dieses Konzeptalbum mit erweiterten instrumentalen Mitteln geschaffen worden.

Giant Giant Sand fährt alles an vermeintlicher Opulenz auf, die man beim Stichwort Oper erwarten darf – Bläser, Streicher, reichlich Sänger und wie bei Gelb gewohnt allerlei Klangwerkzeug. Aber der große Genius und Erfinder des Desert Country Rock Feelings wäre nicht er selbst, wenn er der Versuchung erliegen würde, seine Musik mit überflüssigem Kitsch zu verkleistern. Es bleibt dabei, die Welt von Giant Sand ist die der weiten Panoramen mit endlosem Horizont, durchzogen von kargen Felslandschaften und Kakteen – staubtrockene Prärie, deren Klangbilder allerdings fruchtbarste Böden sind. Jeder Held aus Howard Hawks Western würde sich hier gerne zur Ruhe setzen und den Revolver für immer gegen einen Schaukelstuhl auf der Veranda einer einsamen Farm eintauschen.

So sind unter den 19 Songs von “Tucson” wieder reichlich Goldnuggets zu finden, die Gelb aus der Mitte seines langen kreativen Flusses schürft. Dabei hat er sich mit Brian Lopez, Gabriel Sullivan und Jon Villa drei treffsichere Sidemen dazugeholt, mit denen er das Country-Territorium durchreitet, die Colts mit glänzenden Song-Patronen geladen. Mit Maggie Björklund hat er zudem ein tolles Cowgirl aus Dänemark dabei, das solo auch schon höchst beeindruckend auffällig geworden ist. Da darf selbst ein Abtrünniger wie John Convertino am Showdown teilnehmen. Dieser hat ja mit Joey Burns zusammen seinerzeit Giant Sand verlassen, um mit der eigenen Band Calexico zum “Shootist” zu avancieren. Gelbs Meisterschüler sind mittlerweile Kult, wohl auch weil sie noch einen Hauch mehr Magie zu erzeugen wissen als ihr Lehrer.

Gelb bietet den Calexicos mit seiner Country Rock Oper aber gekonnt Paroli und zieht alle Register seines Könnens, das sich in den zweieinhalb Dekaden seines künstlerischen Schaffens rumgesprochen hat. Auf “Tucson” finden all die vertrauten Giant Sand-Stimmungen zusammen von der Lagerfeuer-Ballade bis zum von traurigen Mariachi-Klängen begleiteten Blick über die mexikanische Grenze, für die Howe Gelb geschätzt und von nicht wenigen bewundert wird. Das beginnt mit dem herrlich entspannten “Wind Blown Waltz”, der getrocknete Strauchballen vor sich hinhaucht, geht über in ein J.J. Cale Rockabilly Feeling mit Bläsern auf “Forver And A Day” und gleitet zum feinen bluesrockigen “Detained”. So zeichnet Gelb binnen nur drei Songs eine Landkarte seiner musikalischen Vielfalt.

Giant Giant Sand – Forever And A Day from fire records on Vimeo.

Und zahlreiche Highlights folgen erst noch. Das sind Songs wie das fabelhafte “Plane Of Existence” mit seiner romantischen Tiefe und Wärme – ein in sanfte Klangfarben getupftes akustisches Aquarell mit tollen Pedal Steel und Bläser-Akzenten. Im shuffelnden Tangoschritt bewegt sich das gleich darauf folgende “Undiscovered Country” nach vorne und reitet in den zartroten gefärbten Horizont. Den Herzensbrecher gibt Brian Lopez in “Love Comes Over You”, dessen Stimme die Ballade über leichte Saitenspielereien hinweg trägt. Von außerordentlicher Schönheit ist auch “The Sun Belongs To You”, das langsam Fahrt aufnimmt wie ein Planwagen und immer mehr instrumentale Fracht auflädt und sich schließlich mit Mariachi-Bläsern am Lagerfeuer niederlässt.

Das Schwärmen nimmt kein Ende. Das von Loona Kelly mit wunderbar unterkühltem sexy Timbre gesungene und von John Convertini nicht minder cool getrommelte “Ready Or Not” verbreitet Vintage-Charme und beflügelt erotische Fantasien. Ein toller kleiner Club-Schieber in der Tradition von Klassikern wie “Fever” und “You Can Leave Your Hat On” – ideal geeignet also für Filmmaterial wie 9 1/2 Wochen. Das halbakustische “Mostly Wrong” gospelt wie von den Baumwollfeldern rüber gekrochen. Reinstes Tex-Mex-Vergnügen bietet das ausgelassene “Carinito” mit seinem vielstimmigen Latino-Chor und den fetten Bläsersätzen. Näher an Calexico war Gelb selten. Und alle anderen Tracks machen die Hommage an die texanische Heimat perfekt.

Giant Giant Sand ist wirklich ein kleiner Gigant und reiht sich ein die lange Riege erstklassiger Gelb-Werke.

PS: Trotz aller Bewunderung für Howe Gelb wage ich dennoch die Prognose, dass die Schüler dem Meister wieder einmal einen Tagesritt voraus sein werden und dass das für September angekündigte neue Calexico-Album “Algiers” abermals das große Licht Gelbs etwas in den Schatten stellen werden. Denn nachdem ich heute ein sensationelles Konzert von Calexico mit Symphonieorchester im Rahmen der FM4 Radiosessions inklusive vier fantastischer neuer Songs hören durfte, scheinen mir Burns und Convertino möglicherweise das Album des Jahres im Songtreck zu haben. Das 70minütige Radiokonzert ist übrigens ab heute für 7 Tage im Videostream – unbedingt anschauen. Hier der Link: http://fm4.orf.at/stories/1701202/

Freuen wir uns einfach, dass diese beiden Bands sich offenbar gegenseitig zu immer neuen Höhenflügen antreiben.

www.giantsand.com
www.howegelb.com



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