Musik - 26.06.12 -

Kunstvolles Liedgut zwischen Folk, Jazz und Avantgarde

Furios kurios: The Little Band From Gingerland

The Little Band From Gingerland. Was für ein schöner Bandname. Und was für eine überraschende Musik, die sich hinter diesem wohlklingenden Etikett verbirgt. Zwei Damen aus Graz, eine Österreicherin und eine gebürtige Niederländerin sind die Zauberinnen aus dem Ingwerland, die mit einem sehr originellen, bisweilen bizarr anmutenden Werk auf Anhieb Gehör und Herz zu erobern trachten. Ángela Tröndle und Sophie Abraham legen mit “Time out Time” ein ambitioniertes Debütalbum vor, das den Mainstream schwerlich erreichen wird, sich aber Hörerkreise erschließen sollte, die anspruchsvolles und ausdrucksstarkes Songwriting zu schätzen wissen, das sich vom Gewöhnlichen absetzt.

Klavier, Cello und Gesang der beiden Musikerinnen werden flankiert von gut gesetzten Loops und Samples und den beiden männlichen Begleitern Philipp Kopmajer (perc, voc) und Siegmar Brecher, der mit dem warmen Klang seiner Bassklarinette den abwechslungsreichen Klanggarten wunderbar weichzeichnet. Diese Musik einzuordnen fällt nicht leicht, da sie sich mit ihren vielfältigen Klangfarben gängigen Schubladisierungen entzieht. Schon das zeichnet das Album aus. Wie aus einer verwunschenen Alpen-Feen-Welt kommen die Songs daher, die teilweise Skizzencharakter haben. Wenn man dann doch eine Charakterisierung wagt, balanciert das Kunstliedgut von Tröndle und Abraham zwischen Folk und Jazz über das Drahtseil Avantgarde ohne je in Gefahr zu geraten, abzustürzen. Bester Beweis dafür ist das kunstvolle “The Man In The Wilderness,” das den Anspruch und die Qualität der Musik dieser Band umgehend deutlich macht.

Hier wird mit Stimmen modelliert, experimentiert, kokettiert und das Songwriting jenseits der konventionellen Pfade in spannungsvolle Stücke überführt, die eine besondere Aura entwickeln und zu fesseln verstehen. Wirklich beschreiben kann man die Musik nicht, sich nur auf ihre erst befremdende, dann immer vertrauter werdende Eigenart lassen. Die Damen scheuen sich nicht, sogar eine AB-Nachricht zum Liedfragment zu erklären. Kurios zwar, aber nicht minder mutig.
In dieser teils sperrigen, kauzigen Art hat das Duo eine gewisse Verwandtschaft zu Der Singende Tresen, der von unserer Redaktion sehr geschätzten Band aus Berlin. So etwa bei “Se Weltfrieden ist Ausgebrochen”, einem 40 Sekunden langen Intermezzo, das für Verwirrung sorgt oder den ebenso langen “I Long For You” und “Mutig Bist Du”. Zustimmung, solche Einlassungen sind mutig.

Ein Song im landläufigen Sinne und zwar ein verdammt guter ist “Silver Sunday Sound” mit seinem offenen, transparenten Klang, dem warmherzigen E-Piano. seinem nahen klaren Gesang und abermals einem famosen, farbenfrohen Klarinettensolo von Siegmar Brecher. “Bizarr” macht seinem Titel durch Vielschichtigkeit Ehre, “I Swallowed The Stone That You Chew” trägt die Originalität bereits im Titel und “Fairy Story” wandert geheimnisumwittert durchs Ohr.

Trotz gelegentlicher Bizarrerie sind da auch einige Songs, die auf seltsame Weise eingängig sind wie etwa der melodisch schöne, mit gebrochenen Tönen aber gegen den reinen Wohlfühlstrich gebürstete Opener, der freie Jazz-Flow von “I Hold” oder das zart mit dem Hörer anbandelnde “Blue & Red”, dem eine kurze kantige Klarinettenphrase eine vollkommene Schleife bindet. Auch der Titelsong, der an Maria Joao erinnert, zählt zu diesen leichter sich erschließenden unter den insgesamt nicht leicht zu konsumierenden Tracks. Das mantrische Finale mit einem wunderbaren Stimmenkanon rundet diesen sehr bemerkenswerten Zyklus ab, der tatsächlich aus der Zeit gefallen scheint.

“Time Out Time” ist etwas Besonderes und sollte entsprechend gewürdigt werden. So etwas hört man buchstäblich nicht alle Tage. Und darum sei das Opus von meiner Seite auch dringend für den “Preis der Deutschen Schallplattenkritik” empfohlen, denn diese Auszeichnung scheint mir für ein so eigensinniges und eigenständig klingendes Werk, das offensichtlich einem ausgeprägten Querdenkertum entspringt, äußerst angemessen. Übrigens: Im April erhielt das Album bereits den Pasticciopreis von Radio Österreich 1.

Verneigung!

www.angelatroendle.com
www.sophie-abraham.com



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