Musik - 24.06.12 -

Psychedelisch wuchtiges Rockalbum

Richard Hawley im Brit-Pop-Himmel

Wer waren noch die Gebrüder Gallagher? Eine Frage so fies wie Noel und Liam in ihren besten Oasis-Bad-Boy-Zeiten. Aber man ist gewagt sie zu stellen, wenn man das neue Album von Richard Hawley hört, das eine echte Überraschung ist. Wer hätte gedacht, dass der Ex-Pulp-Tour-Gitarrist, der es zuletzt glänzend verstand, als sehnsuchtsvoller Crooner seine Stimmbänder wie Zartbitter-Schokolade in den Händen einer heißen Lady dahinzuschmelzen zu lassen, noch einmal die große geschliffene Gitarrensäge auspackt und ein krachendes Brit-Pop-Album mit Psychedelic-Einschlag raushaut? Voila “Standing At The Sky’s Edge”!

Richard Hawley hat sich seiner Ursprünge erinnert und quasi sein altes Alter Ego zu neuem Leben erweckt. Und das mit voller Wucht und viel Grandezza. Es scheint, als habe der 45jährige im Keller der Erinnerungen ein ausgedientes Wah-Wah entdeckt und sich mit kindlicher Freude daran gemacht, die Gitarrensaiten mal wieder richtig leidenschaftlich zu traktieren und durchs säurehaltige Verzerrerbad zu ziehen. Und so lässt Hawley Songs entstehen, in denen fiebrig glühende und giftige Gitarrenmahlströme sich ihren Weg durch psychedelische Soundwälle bahnen. Da ist das wie Irish Folk anmutende Intro des Openers “She Brings The Sunlight” nur die kurze Stille vor dem heftigen Sturm, den Hawley entfacht.

Dabei erliegt Hawley nicht der Versuchung, Gitarrenvirtuosität zu demonstrieren, sondern stellt uneitel seine mächtigen Riffs ganz in den Dienst großer Melodiebögen, von denen es zuhauf auf diesem Album gibt. Das gilt auch für die Soli, die nicht abgehoben klingen, sondern schlicht die Songs abheben lassen in höhere, sehr dichte Klangsphären, die einen förmlich mitreißen. Völlig unverständlich und geradezu ärgerlich, dass ich kürzlich eine unverfrorene Rezension lesen musste, in der die Autorin Hawley attestierte, ein Mann aus der zweiten Reihe zu sein, der es niemals in die erste Liga schaffe. Diese völlige Fehleinschätzung kann nur auf eine erhebliche Bewusstseinstrübung durch überhöhten Genuss von Pilzrahmsuppe zurückzuführen sein. Zu entschuldigen ist sie dadurch nicht. Denn das Gegenteil der kühnen Behauptung ist der Fall. Hawley hat sich mit seinen Vorgängeralben bereits Erstliga-Status erspielt und setzt jetzt noch einen drauf.

Der Titelsong spricht diesbezüglich Bände mit seinem spannungsvollen, schleppenden Songaufbau, der von Hawleys toller Stimme in völliger Harmonie mit den saftigen Gitarren und wirkungsvoller Percussion getragen und schon wird. Großartig. Aus gleichem Holz sind auch die Fetzer “Time Will Bring You Winter” und “Down In The Woods” geschnitzt, die wahre Psychedelia-Energiebündel sind, geradeaus marschieren und dabei Halluzinogene zu inhalieren scheinen.

Aber auch das Balladieren kommt bei Hawley nicht zu kurz, nur hier mit bestem Gitarrenfett geschmiert. Bei “Seek It” lässt er ganz lässig wieder den 60s-Crooner-Stil raushängen, den er in den letzten Jahren verfeinert, geradezu veredelt hat. Schöner Schmachtfetzen. Ein Höhepunkt ist der emotionale Ohrwurm “Don’t Stare At The Sun”, dessen eingängigen Refrain ich mittlerweile schon im Schlaf mitsingen kann. Beim Songtitel ist mir auch klar geworden, warum Hawley vornehmlich mit Sonnenbrille abgelichtet wird. Ein weiteres Highlight ist die euphorische Hymne “Leave Your Body Behind You”, die Rockattitüde, psychedelisches Feeling und romantische Schwärmerei aufs harmonischste verbindet und sich spiralförmig ins Gehör dreht. Das introvertierte, verträumte “Before” bildet den perfekten Abschluss dieses makellosen 9-Song-Zyklus.

Kürzlich hat der Rolling Stone 20 Jahre Brit Pop abgefeiert. Das Magazin hätte mal besser noch diese furiose Albumbestie abgewartet. Aber wie gesagt, wer konnte schon ahnen, dass einer der Urheber des Hype zwei Dekaden später noch mal so einen wuchtigen und wahrhaftigen Wurf landet?

Exzellentes Post-Brit-Pop-Album. Play it loud!

richardhawley.co.uk/home



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