Musik - 17.06.12 -

Ungewöhnliches kleines Meisterwerk

Taumelnder Soul, zerschossener Blues: Willis Earl Beal

Eine der ungewöhnlichsten Entdeckungen des Jahres ist mit Sicherheit der 27jährige Willis Earl Beal. Die Vorgeschichte zu seinem Debütalbum “Acousmatic Sorcery” wird nicht wie so oft bei jungen Shooting Stars wie James Blake oder Lana Del Ray im Web geschrieben, sondern auf dem harten Pflaster der Straße und in den U-Bahn-Schächten von Chicago, wo Beal seine Songs zum Besten gibt, selbstgezeichnete Flyer, imaginäre Albumcover und Hörproben unters Volk verteilt und mit dieser Art von Eigenpromotion immer mehr Aufmerksamkeit erreicht, bis der Newcomer schließlich sogar von Damon Albarn entdeckt wird.

So begegnet uns jetzt mit dem erste Album von Beal ein kleines Gespenst musikalischer Grenzgängerei, die nicht durch einen hohen Grad von Fertigkeiten besticht, sondern durch eine ganz unverkrampft zur Schau gestellte Unfertigkeit, den Mut zur Naivität und die durch eine äußerst coole, trashige, authentische Wohnzimmer-Produktions-Atmosphäre fasziniert. Diese trunken taumelnden, beinahe dilettantisch anmutenden Songs bzw. Songskizzen, die wie in trancehaftem Üben auf einer verstimmten Akustikgitarre geschrammelt klingen, Flaschen und Gläsern als Percussions nutzen und von Willis Earl wie soeben erfühlt gesungen werden, haben den elektrisierenden Charakter des bisher nicht Gehörten, in der dargebotenen Chuzpe buchstäblich Unerhörten. Dieser unverfrorene Kerl macht einem auf seiner Webseite dann doch auch tatsächlich die Offerte “Call me and I will sing you a song” – Rufnummer inklusive.

Irritierend, verstörend und zugleich zutiefst fesselnd ist das, was Willis Earl Beal da aus seinem Innersten hervor kramt und mit dem der junge Bursche seine Zuhörer konfrontiert. Er mutet uns seine seelischen Befindlichkeiten, emotionalen Ups and Downs auf eine Weise zu als könne man seine Songs nur verstehen, wenn man mit ihm durch alle menschlichen wie klanglichen Abgründe gegangen ist. Und so entwickelt seine Musik einen ungeheuren Sog, der wirkt, als sei Robert Johnson den ewigen Jagdgründen entstiegen und habe sich zu einem Stelldichein mit Gil Scott-Heron, Tom Waits und Duke Garwood getroffen, um Blues und Soul zu skalpieren. Die 11 Tracks auf “Acousmatic Sorcery” klingen wie der unwirkliche Soundtrack zu einem mit Lowest Budget produzierten B-Western, in dem pausenlos auf abgehalfterte Noten geschossen wird, um am Ende einen Torso von Outlaws-Song aus dem Staub einer Geisterstadt zu graben.

Willis Earl Beal ‘Evening Kiss’ from Forever on Vimeo.

Ein musikalisches Baumwollfeld, in dem Song-Skelette als Voodoo-Vogelscheuchen stehen. Beängstigend intensiv, unheimlich gut!

www.willisearlbeal.com



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