Musik - 16.06.12 -

Sehr gutes Album nach sehr schwerer Zeit

Reif, reflektiert, rührend: Mary Chapin Carpenter

Ein gängiger Sinnspruch besagt, dass alles Schlechte sein Gutes hat. Wie viel Wahrheit dieser schlichte, banal wirkende Satz birgt, davon legt “Ashes And Roses”, das neue Album von Mary Chapin Carpenter ein beeindruckendes Zeugnis ab. Dieses wunderbare Werk ist die Verarbeitung einer äußerst belastenden Lebensphase der US-Songwriterin, in der sie ihre Scheidung, den Tod ihres Vaters und eine lebensbedrohliche Erkrankung durchleiden und verkraften musste. Die Tiefe der Erlebnisse und Eindrücke spiegeln sich in jedem der 13 großartigen Songs wider.

Die treffende Symbolik im Albumtitel stellt das Vergängliche der Erneuerung gegenüber, dem Verwelken das Erblühen und genau aus dieser Balance von Traurigkeit und Zuversicht lebt “Ashes And Roses.” Verlust und Neubeginn, Trauer und Trost, Verwirrung und Orientierung, Leben, Liebe und Tod sind die existenziellen Themen, denen sich Mary Chapin Carpenter auf bewundernswerte Weise stellt und berührende Seiten abgewinnt. Zuletzt ist es Rosanne Cash mit “Black Cadillac” und Sarabeth Tucek mit “Get Well Soon” auf ähnliche Weise gelungen, Schmerz derart in Schönheit zu überführen.

Die überaus warme, sanfte und zugleich kräftige Stimme der Country- und Folksängerin, die ich liebe seit ich vor 20 Jahren mit “Come On, Come On” zum ersten Mal einen Carpenter-Song gehört habe, malt jeden der beschriebenen Momente unsentimental aus, trägt und überträgt dabei jedes der durchlebten Gefühle auf nachvollziehbare, glaubwürdige Weise. Wunderbare Storyteller-Skizzen sind Carpenters Songs, die man sich am liebsten Rahmen und an die Wand hängen möchte wie Erinnerungsfotos.

Die meisten Songs brauchen nicht mehr als akustische Gitarre und Carpenters Gesang, um einem unter die Haut zu gehen. Das Besondere ist, dass das Album bei aller Melancholie und  Nachdenklichkeit durchgehend ein positive Grundstimmung behält, die dem Zuhörer vermittelt, dass jede Krise zu überstehen ist. So gesehen sind diese Lieder Mutmacher und Balsam auf wunde Seelen mit heilsamer Wirkung. Und sie mahnen schon in manchen Songtiteln, über das Richtige nachzudenken und wo man vielleicht Inventur machen sollte. “What To Keep and What To Throw Away”, “Learning The World” oder “Don’t Need Much To Be Happy” haben Mantra-Charakter.

Wie wichtig es auch ist, in schwierigen Zeiten Seelenverwandte an seiner Seite zu wissen, drückt sich im schönen “Soul Companion” aus, bei dem James Taylor als Duett-Partner die Harmonie von Text und Musik vollkommen macht. Bei der finalen, nur von Piano begleiteten Ballade “Jericho” (exzellent gewählte Metapher für das immer wieder auferstehen!) schließlich wischt man sich die Tränen aus den Augen und sagt mit einem nach innen gewendeten Lächeln leise “Danke”.

Fazit: Die schwere Zeit hat Mary Chapin Carpenter noch stärker gemacht und damit auch ihre Songs, die wiederum uns Kraft spenden. Was für ein wundervoller Songzyklus.

www.marychapincarpenter.com



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