Musik - 10.06.12 -

Gurutronica-Prozession in Blau

Sébastien Tellier • My God Is Blue

Wer hätte gedacht, dass mit Sébastien Telliers neuem Album „My God Is Blue“, eben dieser sich als erster Guru der vergeistigten Transzendenz des französischen Elektropops inkarniert?! Zumindest alle diejenigen, die bereits seit rund 10 Jahren den unkonventionellen Klängen des, vor knapp 40 Jahren in Paris geborenen, Multiinstrumentalisten zu Recht Gehör schenken. Bereits 2004/05 gelang es Tellier, erstmalig, mit dem hypnotisch-melancholischen Instrumentaltitel „La Ritournelle“ (Der Refrain) zu begeistern.

 

Aber anstatt gekonnt marktstrategischer Repetition widmete sich dieser Soundtrack-Projekten („Narco“), akustischen Neuaufnahmen seines Repertoires und ging sogar 2008 für Frankreich beim Eurovision Songcontest in Belgrad an den Start. Dass der Titel ,Divine‘ erstmalig die Grande Nation beinah komplett auf englisch repräsentierte und – trotz unvergesslicher Darbietung in einem Bobbycar, begleitet von Backgroundsängerinnen im Tellier-Look-Alike-Bart-Outfit (check YouTube) – am Ende nur Platz 18 belegte, löste kontroverse Diskussionen aus. Das begleitende Album „Sexuality“ genoss nur ephemären Charterfolg in Frankreich, obwohl es mit seinen knackig-trockenen Elektro-Songs zumindest den Nerv vieler Remixer (SebAstian, Aeroplane, Boys Noize…) traf, so dass 2010 „Sexuality Remix“ die künstlerische Pause mehr als zufriedenstellend überbrückte.

 

 

Als im April diesen Jahres die neue Single „Cochon Ville“ nebst eines pornös-dekadenten Videos erschien, war offensichtlich, Sébastien Tellier schien die Metamorphose von einer chansonhaften Elektro-Raupe zu einem majestätisch blau-irisierendem Klangschmetterling vollendet zu haben. Die ,Songs‘ klingen beinah ausnahmslos weitflächig, cineastisch erhaben, melancholisch und schmerzhaft schön, wobei irgendwie doch stets einen Hauch von Ironie zu wittern ist. Bien sûr, Sébastien Tellier wäre nicht Franzose, wenn „My God Is Blue“ (Rekord Makers/ALIVE) nicht mit dem absolutistischen Größenwahn einer Kirchenorgel, gepaart mit einer gniedelnden Rockgitarre in ,Yes, it‘s possible‘ ein fulminantes Ende erführe.
Also, geht hin – ergebt euch diesem charismatischen wie verschmitzt blinzelnden Hohepriester und huldigt seiner elegischen Gurutronica-Prozession, die euch führen wird in das blaue Licht der Popseligkeit, Amen!

 

http://vimeo.com/5743734



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