Musik - 01.05.12 -

Große Stimme mit bedingt großen Songs

Verhaltene Gegenliebe zu Jazz, Love & Henderson

Eins vorweg. Ich mag die Stimme von Caroline Henderson sehr. Wie sehr, belegt die Rezension ihres letzten Albums “Keeper Of The Flame”, das wir hier nachdrücklich gelobt haben. Das neue Werk “Jazz, Love & Henderson” hingegen lässt den Ohrtrommler zwiegespalten zurück. Der schwedisch-amerikanischen Sängerin mit Wahlheimat Kopenhagen gelingt es – was meinen Geschmack betrifft – auf diesem Album bestenfalls zur Hälfte zu überzeugen.

Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend. Zum einen vertraut Henderson hier im Gegensatz zum fast reinen Coverversionen-Vorgänger ausschließlich auf Songs aus eigener Feder. Und da zeigt sich mitunter das kleine Dilemma, dass die Größe der eigenen Kompositionen nur bedingt an die Qualität von Hendersons Stimme und Ausdruckskraft heranreicht. Zumal sie manches zu orchestral aufbläst, was eben mit ihrem Gesang konkurriert, der Raum und Konzentration braucht. Das beginnt gleich mit dem Opener “The Evil Eye”, bei dem sie Shirley Bassey imitiert. Aber da gefällt mir das Diva-Original dann doch besser. Und so vielversprechend der “Trillingual Love Song” beginnt, so zugekitscht und seicht wird er zusehends. Der Big Band Jazz-Versuch “From New York” erleidet das gleiche Schicksal und überlagert leider Hendersons stimmliche Brillanz – kontraproduktiv. Und der Walzer “The World Goes Wrong” ist dermaßen dick aufgetragen, dass es kaum zu ertragen ist.

Zum Zweiten flirtet Henderson für meine Begriffe eindeutig zu oft außerhalb ihres Genres. Das, was Norah Jones mit Hilfe von Produzentenguru Brian Burton aka Danger Mouse auf ihrem neuen Album “Little Broken Hearts” gerade vortrefflich gelungen nicht, nämlich die ursprüngliche Jazz-Sozialisierung nur noch als Unterton zu halten, um nahtlos in den Pop hinüber zu gleiten, genau das steht der Jazz-Verwurzelung von Henderson weniger gut.

So weit die Kritik an dem, was mich irritiert oder mir weniger gefällt. Aber “Jazz, Love & Henderson” hat auch eine zweite Seite, die mich dann wieder deutlich anspricht. Immer dann, wenn Henderson das Prinzip des Weniger als mehr beherzigt und den Songs Farbtupfer und markante Akzente gibt, dann gehen die Songs auch gleich ins Ohr. Darum sei hier vor allem auf jene Tracks verwiesen, die dieses Format besitzen. “Falling Again” hat dieses gewisse Etwas mit Piano, Marching Drums und dezenten Streichern. Noch besser “Calamity Lane”, dessen Ukulele-Feeling ganz ausgezeichnet mit Hendersons Vocals harmoniert. Wäre alles auf diesem Album so stimmig und gelungen, würde ich es in höchsten Tönen preisen.

“Gone Fishin” zeigt, dass Henderson richtig gut ist, wenn sie sich dem gezielten Grenzgang ganz anvertraut. Dieser zwischen Gospel, Jazz und Pop angesiedelte Blues ist vom Songwriting bis zur Interpretation makellos. Da passen dann endlich auch die Streicher als hymnische Veredelung. “I Am She” hat die Spannung, die Henderson für ihre Stimme braucht und sitzt auf den Punkt. Das abschließende “Time Is Forever Young” bekommt mit seinem Mut zum Experiment ebenfalls ein positives Voting von mir. Aber das war es dann eben auch. Eine Hälfte Volltreffer, der Rest ist mehr oder weniger Schweigen. Schwamm drüber!

Im Fazit bleibt meine beschriebene Ambivalenz, aus der heraus ich Henderson von Herzen wünsche, dass wenn sie schon den Schritt aus dem Jazz wagt, ihr beim nächsten Versuch ein so cleverer Mentor wie Burton zur Seite stehen möge, der die Unwuchten des Songwritings ausgleichen kann und Arrangements wie die Produktion wohl zu temperieren weiß. Wäre ja vielleicht wirklich eine Idee, dass sich diese beiden zusammen tun, oder? Solange erfreue ich mich nachhaltig am vortrefflichen “Strictly Romancin’” von Catherine Russell (unbedinter Tipp!) und schüre mal eine hohe Erwartungshaltung an das neue Album von Melody Gardot.

Einen Konzertbesuch auf der anstehenden Tournee von Caroline Henderson können wir allerdings sehr empfehlen, denn da ist die Sängerin ganz in ihrem originären Jazz-Element und weiß ohne Wenn und Aber zu überzeugen.

15.05. – Wien, Jazzland
16.05. – Linz, Posthof
17.05. – Schloss Elmau, Elmau
18.05. – Kassel, Theaterstübchen
19.05. – Hannover, Jazz Club
20.05. – Hamburg, Stage Club
22.05. – Berlin, Blueroom Pfefferberg
23.05. – Dresden, Societätstheater
24.05. – München, Unterfahrt
25.05. – Innsbruck, Treibhaus
26.05. – Zürich, Moods Im Schiffbau
27.05. – Freiburg, Jazzhaus
29.05. – Stuttgart, Bix Jazzclub
30.05. – Dortmund, Domicil
31.05. – Mainz, Frankfurter Hof

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carolinehenderson.com



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