Musik - 29.04.12 -

Sensibel, sarkastisch, äußerst reif

Altersweise Narrenfreiheiten: Loudon Wainwright III

Kürzlich erst hat Kollege ledivo den besonderen Pop-Appeal von Rufus Wainwright im Zusammenhang mit dessen neuem Album gewürdigt. Ich persönlich bevorzuge eher den Vererber der guten Gene, den geschätzten Vater Loudon Wainwright III, seines Zeichens als sarkastischer Songwriter vor dem Herrn bekannt, dem allenfalls der gleichermaßen verehrte Randy Newman das “Weihwasser” reichen kann. Sein jüngst erschienenes Album “Older Than My Old Man Now” ist ein Ausweis seiner besonderen Fähigkeiten als einer der ganz großen US-Songwriter der älteren Generation.

Ich finde das Alterswerk von Wainwright III schon deshalb sehr erwähnens- und lobenswert, weil es durch seine einzigartige Stilistik als musikalisch angelegte Memoiren beeindruckt. Wer hätte das je gewagt, sich autobiografisch so deutlich zu positionieren und das Leben im Abgleich mit der Herkunft im Hier und Jetzt der Endlichkeit zu resümieren. Auf die Weise, wie Loudon Wainwright III das vollzieht, hat das Würde, Weisheit und den bei ihm gewohnt bissigen Humor zugleich.

Der Alte zieht auf dem auch stilistisch vielfarbigen Album wirklich noch mal alle Register seines Könnens, paart das Ernste mit dem Heiteren, das Schwere mit dem Leichten, lässt den kritischen und reflektierten Geist ebenso zu Wort kommen wie auch die unbändige Freude des Lebensbejahenden, der auch mal Fünfe gerade sein lässt. Hinzu kommt der versöhnliche Charakter des Albums, der durch eine Art Familienzusammenführung des Vaters mit seinen hoch talentierten Kindern Rufus und Martha geprägt ist, deren Beziehung durchaus der einen oder anderen nachhaltigen Störung unterworfen war. Und der gedankliche Ausgangspunkt des Albums, sich mit der Vaterfigur und dessen Leben abzugleichen, ist per se schon ein Pfund. “All In A Family” ist ein wunderbarer Ausdruck dieses spät erzeugten Zusammenhalts.

Das Gute ist, dass man bei Wainwright senior genau weiß, woran man ist. Da gibt es nichts mehr zu interpretieren, der Mann ist mit sich und der Welt im Reinen und weiß genau, was er tut und warum. Scham hat er eh nie gekannt und jetzt lässt er der Lust an der Narrenfreiheit des Alters auch noch so freien Lauf, dass es ein beglückendes, weil vorbildhaftes Vergnügen ist. Und so irritiert es einen als Vertrautem des so poetisch wie ironisch, so liebevoll sanft wie bissig-spöttischen Songwriters nicht im geringsten, dass das Polarisierende, Widerspruch erzeugende, dass zu Loudon Wainwright III gehört wie seine exzellenten Fähigkeiten des Songbuildings, hier ganz in seinem Element ist.

Sogar richtig sentimental kann der Mann werden. Klug wie er ist, lässt er das in “Interlude” einfach rein instrumental durchscheinen. In “Over The Hill” und “Ghost Blues” spielt er seine musikalische Vielseitigkeit aus, die u.a. seine großen Songwriter-Alben wie das von mir geliebte “More Love Songs” auszeichnet. So richtig unter die Haut kann er einem auch immer noch gehen wie im wunderschönen “Somebody Else”, das Chris Smither in der kongenialen Gastsängerrolle sieht. Zum Niederknien auch das unglaublich reife “The Days That We Die”, das sich dem Gedanken des Vergänglichen stellt wie kaum ein anderer Song und in dem der Autor aus der Erzähler- in die Sängerrolle wechselt. Das ist zutiefst berührend wie Sohn Rufus hier Vater Loudon zur Seite steht, nachdem dieser Worte seines eigenen Vaters rezitiert hat.

So gnadenlos Wainwright III mit allen anderen umgeht, so viel Größe besitzt er auch, sich selbstironisch auf die Schippe zu nehmen wie etwa in “My Meds”, wo er die Namen der Medikamente als Lyrics nutzt, die ihm im gesetzten Alter schon untergekommen sind. Vom gleichen Kaliber und köstlich unterhaltsam ist das Duett mit der amerikanischen Talk-Ikone Dame Edna “I Remember Sex”, in dem Loudon herrlich süffisant Vorurteile über Sex im Alter ironisiert. Das kann man eben nur, wenn einem nichts, aber auch gar nichts mehr anhaben kann. Ach, da gehen sicher so manchem senilen Erotomanen das Herz und sicher auch ein paar Hosenknöpfe auf. Köstlich!

Und dann gibt es eben auch die nicht wenigen Momente, in denen der grandiose Storyteller Loudon Wainwright II in einem Atemzug mit Bob Dylan genannt werden darf, genannt werden muss. Wie dieser auch ein Lyriker von Gnaden und einer, der das Gewicht seiner Worte in angemessene Musik zu übersetzen weiß. Und da zeigt er sich als genialer Balladeur wie in “In C”, als reflektierter Sohn, der seinem Vater, dem anerkannten Life-Redakteur, im Titelsong die gebührende Ehre erweist. Mit Ramblin’ Jack Elliott erkundet Loudon die Spuren des Country. Und das abschließende, von einer famosen Saxophonphrase gekrönte “Something’s Out To Get Me” macht mit seiner Lebenstiefe diesen formidablen Songreigen rund. Das klingt – inklusive des kurzen Nachklangs – schon fast wie ein vorzeitiger Gruß aus dem Jenseits.

So unantastbar und souverän möchte man im eigenen fortgeschrittenen Alter sein. Großartig, junger alter Mann!

www.lw3.com



1 Kommentare zu “Altersweise Narrenfreiheiten: Loudon Wainwright III”

Mayo Velvo am 29. April 2012 19:28

… als ‘erster’ vor allen am Loudon’schen Werke Beteiligten genannt zu werden, nehme ich mal als Kompliment.
Dieses darf ich nach dieser oppulenten Rezension gerne zurückgeben! Chapeau* :))

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