Musik - 23.04.12 -

Solodebüt der umtriebigen Indie-Ikone

White ohne Stripes – Jack allein auf Erfolgskurs

Jack White ist ohne Frage einer der kreativsten, produktivsten, umtriebigsten und ob seiner überragenden Talente meist geachteten Rockmusiker dieser Tage. Ob bei den White Stripes, The Dead Weather oder den Raconteurs, als Gast bei exzellenten Projekten wie etwa “Rome” von Danger Mouse und Daniele Luppi oder als Produzent und Labelinhaber, hinter seinen Namen muss man stets ein Ausrufezeichen setzen. So auch beim gerade erschienenen Album “Blunderbuss”, mit dem er als Solokünstler debütiert.

Seine Vielseitigkeit ist zwar seit längerem bekannt, wird aber auf dem abwechslungsreichen Solo erstmals so richtig deutlich. Der Mann tobt seine Talente und Interessen so richtig mit kindlicher Freude am Tun aus. Ob er knochentrockenen Rock and Roll spielt oder tief in den Blues hinabsteigt, ob er mit dem Soul flirtet, dem Vaudeville huldigt oder den Beat mit Gospel verkuppelt, Jack White ist ein Meister der Verwandlungen und Anverwandlungen musikalischer Einflüsse, die seine umfassenden Interessen wecken und ihn zum Experiment herausfordern – stilistische Stimuli. Und das Überraschende: insgesamt eher sanft als aggressiv. Das giftig-beißende von The Dead Weather und The White Stripes scheint nur durch, eine Spur Raconteurs lässt White erahnen, im Kern aber zeigt er sich ein wenig verwandelt und bleibt sich in der Veränderung zu mehr Offenheit hin sehr treu.

Seine überragenden Fähigkeiten als Gitarrist lässt “Jack The Riffer” diesmal nur sehr gesetzt durchscheinen. Wer weiß, was er kann, muss damit nicht prahlen. Außerdem scheint White eine noch größere Liebe für die Tasteninstrumente entdeckt zu haben, die viel Raum einnehmen. Vor allem das Saloon-Piano scheint es ihm angetan zu haben, dem er auf “Blunderbuss” einige Einsätze gestattet. Aber der Reihe nach. Sehr bemerkenswert ist zunächst, dass Jack White den größten Teil des Albums mit einem kleinen Ensemble aus Memphis stammender Musikerinnen eingespielt hat und dass sogar seine Ex Karen Elson auf drei Tracks als Gastsängerin dabei ist. Deren Hang zum Vaudeville hat jedenfalls über die glückliche Scheidung der beiden hinaus Spuren beim früheren Gatten hinterlassen, dies ein Werk angenehm befruchten.

Im Einzelnen führt das zu einer luftig-lockeren und kurzweiligen musikalischen Dreiviertelstunde, in der man sich durch White’s Wunderland hören kann. Angefangen beim Opener “Missing Pieces”, der gleich die erste Überraschung bietet, weil er fast im Classic Rock Design durch die Tür tritt, versehen mit Prog-Orgel-Klängen und in funkige Riffs verpackt. Das aufgedrehte “Sixteen Saltines” lässt die alten Punkmuskeln spielen und zeigt White als den quirligen Kerl, den wir seit den Stripes lieben. Einmal mehr zu Robert Plant junior mutiert Jack auf “Freedom at 21″, dem er eine simple Rhythm ‘n’ Blues-Struktur verpasst hat, in die hinein er eines seiner quengeligen kurzen Soli streut. Ja der Geist des großen Zeppelin schwebt mal wieder über ihm. Im Duett “Love Interruption” mit Ruby Amanfu gelingt es White, allein mit akustischer Gitarre und E-Piano eine sehr intime Stimmung zu schaffen. An die knüpft der selbstverliebte Titelsong an, der schon fast zu Folk ist, um White-wahr zu sein. Wie gesagt, bei diesem Mann muss man mit allem rechnen. Sogar mit angedeuteten Steel Guitar Klängen.

“Hypocritical Kiss” besitzt mit seinem Klimperklavier einen sanftmütigen Charme, den man dem wilden White kaum zugetraut hätte. Auch hier ist Robert Plant im Gesang allgegenwärtig. Und spätestens jetzt wird mir klar, warum das MOJO Magazine dieses Album mit dem Gütesiegel “Instant Classic” ausgezeichnet hat. Schlicht, weil Jack White über einen weit größeren musikalischen Kosmos verfügt als viele andere und darin unglaublich stilsicher seine Bahnen zieht und im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar macht. Exzellent “Weep Themselves To Sleep”, auf dem das 36jährige musikalische Multitalent alle Register seines beeindruckenden Könnens zieht. Ein Rocker im Stile der Raconteurs im erhabenem Piano-Hymnen-Modus, in das White verzerrte Gitarrenlicks streut, die dem Song von hinten ins Genick beißen. Wie er dann im nächsten Moment zu “I’m Shakin” in die Bo Diddley Pose wechselt, auch das zeugt vom Selbstbewusstsein und der Souveränität des Wandelbaren.

“Trash Tongue Talker” pumpt uns mit Bass und Piano in den Wilden Rock And Roll Westen bevor es in einer 180°-Kehrtwende mächtig shuffelt – “Hip (Eponymous) Poor Boy stößt die Tür zum Saloon nun ganz weit auf. Klingt wie Two Gallants ohne Depression. “I Guess I Should Go To Sleep” wandelt auf gospeligen Blues Roots Pfaden und verbreitet abermals diese unglaublich lockere-unangestrengte Atmosphäre, die ein Wesensmerkmal dieses Albums ist. Auf der Zielgeraden holt Jack White dann noch einmal zur Überraschung aus. Einen Songwriter-Nachweis wie “On And On And On” aus seiner Feder kann wohl nur erwarten, wer mann weiß, dass der Musiker als Labelbetreiber und manischer Plattensammler von überall her seine Inspirationen erfährt. Und “Take Me With You When You Go” schließlich bereitet uns einen ebenso wenig voraussehbaren Americana-Abschied mit starkem Country-Einschlag, der mit seinen Tempowechseln, Chor und typisch quirligem Gitarrensolo noch einmal aus dem Vollen des scheinbar unerschöpflichen Talent von Jack White schöpft.

Kurzum: Dieser Mann ist eine Klasse für sich!

PS: Wie sehr Jack White das Überraschende, Unberechenbare liebt, zeigt auch die Tatsache, dass er eine ausgedehnte Welttournee plant, auf der er mit zwei unterschiedlichen Band Line-ups unterwegs sein will – einer weiblichen und einer männlichen. Mit beiden wird er ein umfangreiches Repertoire einüben und dann von Fall zu Fall entscheiden, ob die Damen oder die Herren zum Einsatz kommen. Ja, Jack hat neben vielen Gaben auch noch die des Humors. Diese Konzerte werden sicher nicht nur für ihn ein Vergnügen.

jackwhiteiii.com



Kommentar schreiben