Musik - 22.04.12 -

Treibstoff für die Seele

Norah Jones und 12 gebrochene Herzen – Album Prelistening

© Foto: Frank W. Ockenfels | Bearbeitung JJ

Zwölf zarte Songs über zwölf kleine gebrochene Herzen. Jeder von ihnen eine Erkundungsfahrt durch alle Varianten menschlicher Emotionen, die aber ausnahmslos voller positiver Energie und Schönheit sind. Wir freuen uns, das Album Littel Broken Hearts, das am 27. April bei EMI Music erscheinen wird zusammen mit Tape.tv schon heute als Prelistening präsentieren zu können!

Norah Jones lernte Danger Mouse/Brian Burton, kennen, als er sie 2008 unbedingt für sein ROME-Projekt gewinnen wollte, seine Hommage an die klassische italienische Filmmusik. „Ich kannte Norahs Stimme schon lange vorher“, sagt Burton, „und sie fiel mir ein, als ich an ROME arbeitete. Wir haben damals nicht über viele Leute nachgedacht, denn Norah war sofort erste Wahl. Sie ist eine großartige Sängerin.“

Nach den Aufnahmen fragte Jones, ob sie noch einmal zusammenarbeiten würden, und Burton schlug vor, irgendwann einmal etwas Dunkles und Stimmungsvolles auszuprobieren. „Ich erinnere mich, dass ich damals nicht unbedingt daran dachte, eine solche Platte zu machen“, lacht Jones. „Aber ich wusste genau, dass ich irgendetwas mit ihm machen wollte – er besitzt diese sagenhafte Energie im Studio, und ich war im Prinzip offen für alles.”

Dann schlug die Realität zu. Norah Jones tourte sehr lange mit ihrem 2009er-Album The Fall und Burton hatte ähnliche Verpflichtungen mit Broken Bells und anderen Projekten. Aber jedes Mal, wenn sich die Wege der beiden kreuzten, schworen sie sich, die begonnenen Stücke zu vollenden. Es dauerte natürlich einige Zeit, bis ihre Terminkalender endlich zueinander passten. Dann mietete sich Jones für zwei Monate ein Haus in Los Angeles und die beiden begannen, ihre Arbeit normal fortzusetzen.

Norah Jones Little Broken Hearts AlbumcoverJones kam allerdings mit leeren Händen nach Kalifornien – ohne Songs, ohne Arrangements, sie hatte nur ein paar Ideen notiert. Das war für sie etwas komplett Neues. Denn bei jeder ihrer bisherigen Studioproduktionen – von ihrem Debüt Come Away With Me bis The Fall – erschien sie mit fertigen Songs oder zumindest wenigstens einigen grundlegenden Ansätzen. Norah gibt zu, sie sei anfangs ziemlich begeistert davon, später aber doch ein wenig nervös gewesen, ob sie spontant genug gute Ideen haben würde. Aber als sie anfingen zu schreiben, dauerte es nicht lange, bis die Chemie zwischen ihr und Burton wunderbare Ergebnisse zeigte.

Dabei half ihnen, dass sie unterschiedliche Musik hörten, Genre-übergreifend, von Fleetwood Mac bis zu den Violent Femmes. „Es gibt da einen Trick im Studio, der mit Inspiration zu tun hat”, meint Jones, „und genau den hat Brian voll drauf – es hat unheimlichen Spaß gemacht, seine Einflüsse zu entdecken, die ich zwar mag, aber die keine für mich waren. Manchmal spielte er mir mit einem unschuldigen Lächeln etwas vor, aber ich wusste genau, dass etwas dahinter steckte. Nach dem Motto: ‚Lass uns das hören und dann mal sehen, was passiert‘. Darauf bin ziemlich gut eingegangen, weil jeder von uns beiden quasi von einem anderen Brett sprang und woanders landete.”

Was Jones angeht, so landete sie wirklich an vielen anderen Orten: Little Broken Hearts trägt den Hörer durch erstaunlich nuancierte Umgebungen, die man schwerlich nur als “Pop” bezeichnen kann. Jeder einzelne Song zeigt ihre innige, scheinbar mühelose Phrasierung. Natürlich gibt es klassische Norah Jones-Stücke – den nachdenklichen Opener “Good Morning” zum Beispiel – aber die meisten anderen bewegen sich doch ziemlich weit weg von den Rhythmen und Melodien, die man von ihr gewohnt ist. Da  gibt es impressionistische Ausflüge in den Country der ‘70er (“Travelin’ On”), aber auch einsame, bittersüße Straßenhymnen (“Out on the Road”), Momente von unglaublichem Groove (“Say Goodbye”) und lässige Reflektionen über Traumsequenzen (“After The Fall”).

Bei den beiden sprudelten die Ideen förmlich, so erinnert sich Jones. Am Ende der Aufnahmen skippt Burton durch sein Smart Phone und stolpert quasi durch Zufall über eine Kurzaufnahme der beiden während der ersten Session, die sie schon vergessen hatten. „Man hörte ihn diese Akkorde auf der Gitarre spielen und mich irgendeinen Quatsch dazu singen. Wir hörten uns das an, und nach drei Minuten kam wirklich eine Melodie, die funktioniert.” Dazu schrieben sie einen Text und am nächsten Tag nahmen sie das bezaubernde “Travelin’ On” auf.

Tracklist von Little Broken Hearts:

1. Good Morning
2. Say Goodbye
3. Little Broken Hearts
4. She’s 22
5. Take It Back
6. After The Fall
7. 4 Broken Hearts
8. Travelin’ On
9. Out On The Road
10. Happy Pills
11. Miriam
12. All A Dream

*All songs written By Norah Jones & Brian Burton

Wenn der Wut Flügel wachsen

Wie die meisten Songs der Platte handelt er von einem verletzten Menschen – in der Zeit zwischen dem Beenden von The Fall und dem Beginn dieses Projektes machte Jones eine weitere Trennung durch. „Man könnte sagen, dass das ‚Leben passiert‘, weil ich eigentlich mit dieser Art von Songtexten seit einiger Zeit durch war. Aber dann kam während der Arbeit auf einmal alles heraus. Wir hatten diese tollen Gespräche über Liebe, Beziehungen und die endlosen Versuche, das alles zu verstehen, und irgendwie hat sich das in unsere Arbeit eingeschlichen. Das ist eine der großartigen Dinge an Musik, man kann seine eigene Wut und den Kummer in etwas verwandeln, das jemand anderen vielleicht aufbaut.”

Aber auch Burton hat sich voll bei den Texten engagiert. „Er hörte mir zu und konnte es nachvollziehen, um dann erstaunlicherweise einen Weg zu finden, es auszudrücken. Ich wusste bis dahin gar nicht, was für ein toller Schreiber er ist. Seine Melodien, seine Art mit Worten umzugehen. Er besitzt eine regelrechte Gabe darin.”

„Norah und ich sind richtig enge Freunde geworden” erklärt Burton dazu. „Wenn man jemanden sehr gut kennt und dann zusammen schreibt, kann man sich beinah über die Texte miteinander unterhalten.” Durch Burtons Input kam noch eine weitere Perspektive zu den Mysterien der Beziehung von Mann und Frau hinzu, mit der sich viele der Stücke beschäftigen. „Man könnte sagen, dass manchmal auch die andere Seite gesehen wird. Unsere stundenlangen Unterhaltungen über sehr persönliche Dinge spiegeln sich darin wider. Aber das Album generell ist definitiv aus Norahs Standpunkt verfasst.”

12 Herzen in 6 Wochen

Miriam” — in dem Song zum Beispiel singt Jones auf bezaubernde Art mit sacht-säuselnder Stimme, transportiert aber eine kaum versteckte Drohung — ist vielleicht der markanteste Moment auf Little Broken Hearts, ein abschreckendes Fanal in einer Kollektion sonst graziler, sorgfältig umwobener Emotionen aus den verschiedenen Phasen des Verletzt seins. Und obwohl sich deswegen ein roter Faden durch das Album zieht, ist es alles andere als freudlos. Es gibt Stücke mit nachklingender Bitternis, die mit aufwühlenden, beinahe überschwänglichen Melodien daherkommen. Zwischenzeitlich führt dieser lässig-trübe Ansatz gelegentlich zu mehr philosophischen, meditativen Texten, wie im Titelsong, die Geschichte einer Armee kleiner gebrochener Herzen, bewaffnet mit Messern, um die schönen, schlafenden unbewaffneten Lieben der Vergangenheit anzugreifen: „When the beautiful awake, and see the sadness in their eyes. Will they want to find a way to make it alright?”

Und da gibt es noch “Happy Pills”, eine beschwingte Ansammlung von lebenslustigen Hooks, über die   Jones und Burton zunächst erschrocken waren, als sie sie schrieben. „Der Song entstand in der dritten Woche“, erinnert sich Jones an die Sessions, die insgesamt sechs Wochen dauerten. „Wir dachten zuerst beide, wie toll das Ganze sei. Aber dann hörten wir uns das Stück noch einmal übers Wochenende an. Dann begannen wir nachzudenken. Wir wussten nicht, ob es auf die Platte passen würde. Aber ich bekam die Melodie nicht mehr aus dem Kopf, genauso erging es Brian. Schließlich entschieden wir dafür, der Song musste auf die CD, er macht einfach zu viel Spaß.”

Norah Jones ist sehr zufrieden, über die Art, wie sehr die Songs nach der Überarbeitung zueinander passen, wie sehr die Reihenfolge nun ein einheitliches Statement ergibt  – sogar “Happy Pills” mit seiner Textzeile “tryin’ to make it so I never see your face again” passt sich dem Oberthema an. „Ich habe nicht erwartet, dass die Texte so gut zueinander passen, besonders weil wir sie so spontan geschrieben haben. Aber am Ende wurde es beinahe eine richtige Geschichte. Sie besitzt verschiedene Dimensionen, die Dinge schleichen sich an den Hörer heran. Und auch wenn diese Platte diese ganzen coolen Sounds und interessanten Grooves hat, für die Brian bekannt ist, bin ich doch am meisten stolz darauf, sie mit ihm zusammen geschrieben zu haben. Auf die Songs an sich.”

Norah Jones Littel Broken Hearts – Album Prelistening



1 Kommentare zu “Norah Jones und 12 gebrochene Herzen – Album Prelistening”

Mayo Velvo am 23. April 2012 03:42

… auch wenn ich nicht unbedingt ein Fan bin, für mich, nach “The Fall”, das beste Norah Jones Album.

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