Musik - 03.04.12 -

Minimalistisches Meisterwerk der Jones-Brüder

And Also The Trees: Tiefenhypnose mit Gitarre und Stimme

Es gibt Bands, die haben dieses gewisse Etwas, das besondere Momentum an Klang oder Atmosphäre, das einen unwiderstehlichen Sog erzeugt, dem man sich nicht entziehen kann. Morphine und Joy Division zählten dazu, The Cure ohne Zweifel, Sixteen Horsepower und Wovenhand besitzen diese Intensität, auch I Am Kloot vermögen einen so nachhaltig zu fesseln. Wem es überdies seit über 30 Jahren gelingt, geradezu hypnotisch wirkende Songs zu schreiben, ist die britische Band And Also The Trees. Jüngster Beweis ist ihr fantastisches neues Album “Hunter Not The Hunted”.

Die Dunkelromantiker verstehen es seit ihrer Gründung im Jahr 1979, den Geist des Postpunk, Dark Wave und Gothic Rock in die Moderne des Pop zu transportieren und mit jedem neuen Album wieder neu zu faszinieren. Der absolut einzigartige Sound, den die Brüder Simon Huw Jones und Justin Jones zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, sucht seinesgleichen. Songs voller Poesie und Melancholie, in denen immer ein ganz besonderer Schmerz von Einsamkeit mitzuschwingen scheint. Seit den gefeierten Debüts von The XX und Warpaint habe ich keine Platte mehr gehört, die einen so eigenen mitreißenden Flow entwickelt.

Die 13 ausnahmslos großartigen Songs auf “The Hunter Not The Hunted” erzeugen eine ungeheure Tiefenwirkung, die der Balance aus Dramatik und Romantik entspringen. So still und tief wie der See, der auf dem Albumcover ruht, branden die Lieder ganz sanft ans Gehör und tropfen in Seele und Unterbewusstsein. Geradezu hypnotisch, wie And Also The Trees eine geheimnisvoll ambivalente Aura gestalten, die kühl und distanziert scheint, einen aber in ihrer emotionalen Spannung zugleich doch herzenswarm und hautnah berührt. Es wundert nicht dass Begriffe wie “secret”, “hidden” oder “ghost” zu den Key Words der Lyrics zählen. Der originäre Sound der Band aus Worcestershire ist genau in einem solchen Klangraum von Mysterium angelegt. Hier eine einschmeichelnde Melodica-Phrase, dort eine flatternde Akkordeon-Spur und wohltemperierte Percussions stellen sich ganz in den Dienst der beiden Stil prägenden Hauptinstrumente Gitarre und Stimme.

Offenbar haben die zuletzt oft gespielten Akustik-Gigs, von deren hoher Intensität auch das Album “When The Rains Come” zeugt, Einfluss auf das aktuelle Songwriting genommen. Denn so reduziert und aufs Wesentliche ihrer Wirkung konzentriert klangen And Also The Trees eigentlich noch nie. Getragen wird diese musikalische Magie durch die narrative Gesangsweise von Simon Huw Jones und dem formidablen Gitarrenspiel seines Bruders Justin, das lyrisch und expressiv ist wie kein zweites. Mal lässt er die Seiten wie einen Indie-Flamenco erklingen, mal gibt er seinen pointierten Riffs eine antike Spinett-Charkteristik und mal flirrt seine Gitarre wie ein Schwarm von Sci-Fi-Insekten. Grandiose und gespenstisch schöne Effekte, die den Charakter des Sounddesigns nachhaltig prägen. Manche der Songs klingen wie Shanties für die Styx-Fähre in den Hades. Die Stimmungen wie aus einem Soundtrack über die Leben von Scott Walker, Nick Drake und Elliott Smith.

Auch wenn man das Album tunlichst am Stück hören sollte, um sich ganz dem Fluss der Melodien und dieser ganz besonderen Atmosphäre hinzugeben, kommt man nicht umhin, einige Songs herauszuheben, die das gewaltige Massiv von Werk als Gipfel noch überragen. Der Titelsong mit seinem Hauch von Melodica und seinen feinen Rhythmus-Akzenten ist ein sanft dahin gleitendes Mantra. Das barmende “Bloodline” erfleht, nicht nur gehört, sondern erhört zu werden. “My Face Is In The Wildfire” ist von unfassbarer Schönheit – hat man je einen solch schwebenden, flirrenden Gitarrensound im Einklang mit einem so kargen und zugleich so innigen Storytelling gehört? Mit der Textzeile “…a ghost wilderness of pollen and seeds…”endet der Song. So ungefähr muss man ihn sich vorstellen. Ein Lovesong voller Herzschmerz mit abermals furioser Gitarrenarbeit begegnet einem bei “The Woman On The Estuary”, als langsamer Walzer umkreist “The Knave” das Gehör und melancholietrunken taumelt die “Whiskey Bride” daher bis schließlich “The Floating Man” einen mit dem Gefühl zurücklässt, das Marcel Reich-Ranicki stets zum Ende des literarischen Quartetts mit dem Brecht-Vers”…und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen…” beschworen hat.

Mit diesem neuerlichen Monument von Album hat sich diese unvergleichliche Band endgültig als einer meiner ewigen Favoriten des Herzens verewigt. Ich bin berauscht und tief ergriffen!

www.andalsothetrees.co.uk



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