Musik - 01.04.12 -

Thick as a brick 2

Jethro Tull drehen die Zeit zurück

Ein Wunder? Nein, das durfte man freilich bei allem Optimismus und gebotener Fan-Euphorie nicht erwarten, als Jethro Tull mit Teil 2 ihres Meilensteins “Thick As Brick” eine echte Überraschung ankündigten. Aber es ist ist aller Ehren wert, wie diese altgediente Band des Progressive Rock sich auf die Spuren der eigenen Herkunft begibt und mit “Thick As Brick 2″ ein Album vorlegt, das mir jeden Respekt abverlangt, den sich die Folk-Rock-Pioniere mit diesem ambitionierten Werk allemal verdienen.

Das vor 40 Jahren veröffentlichte “Thick As A Brick” ist zweifellos als eines der besten Konzeptalben aller Zeiten einzuordnen. Ein grandioser Wurf, der Jethro Tull für viele zu einer der herausragenden Bands des Rock avancieren ließ. Einfach grandios, diese ausbalancierte Platte zwischen hartem Rock und feinsinnigem Folk. Nun also die unverhoffte Fortsetzung dieses Meilensteins. Das hätte arg peinlich werden und nach hinten los gehen können wie so manche Rockband-Wiedervereinigung, ist es aber bei weitem nicht. Hier zeigt sich vor allem die besondere Songwriter-Klasse eines Ian Anderson, der auch in seinem 65. Lebensjahr über jeden Alterszweifel seiner Qualitäten erhaben ist.

Nun also die neuerliche Begegnung mit Gerald Bostock, der fiktiven Hauptfigur, die als Junge die Lyrics zum Original verfasst haben soll. “Thick As A Brick 2″ beschäftigt sich mit der Frage, was aus Bostock wohl geworden sein könnte und lässt den Protagonisten in verschiedene Alter Egos schlüpfen. Jethro Tull greifen bei der musikalischen Umsetzung des Konzepts auf all ihre Fähigkeiten und Markenzeichen zurück. Sie präsentieren melodiöse Rocksongs mit vielen Breaks und Tempiwechseln, geprägt von Andersons markanter Stimme und den nach wie vor großartigen Querflötensolos des Band-Masterminds.

Dabei gelingen den alten Recken einige exzellente Songs wie die nach vorne treibenden Rocker “Banker Bets, Banker Wins”, “Old School Song” oder “Shunt And Shuffle” einerseits und schöne Akustik-Folk-Rock-Songs andererseits, wie sie für die Band typisch sind. “Adrifted And Dumfounded” ist so ein Kleinod, das sicher das Herz eines jeden Tull-Fans höher schlagen lässt. Auch “Wootton Bassett Town” macht dem Klangbild des Klassikers alle Ehre. Hier erinnern Jethro Tull an “Heavy Horses”, eine ihrer weiteren Albumgroßtaten aus dem Jahr 1978.

Apropos Horses: Ganz fabelhaft ist das achtminütige “Change Of Horses”, in dem die Band sich die Zeit nimmt, den Song in Ruhe zu entwickeln. Toll wie hier das Akkordeon als Lead-Instrument eingesetzt wird und den Staffelstab an Anderson Querflöte weiter reicht, flankiert von kräftigen Gitarrenriffs. Das ist britischer Folk-Rock vom Feinsten, präsentiert von den Miterfindern dieser Spielart. Einer der besten Tull-Songs seit Jahren. Toll! Auch das pointierte “Kismet In Suburbia” überzeugt durch seine Balance aus Gitarren-Dynamik und Flöten-Arabesken. Und das finale “What-ifs, Maybes and Might-have-beens” setzt alle Konjunktive außer Kraft und dafür ein Ausrufezeichen hinter diese Fortsetzung.

Unbestritten verfügt diese Band auch 45 Jahre nach ihrer Gründung über ungeheures Potenzial und zelebriert ausgelassen ihren unverwechselbaren Klang. Clever, wie Tull einzelne Phrasen des Ursprungsalbums zitieren ohne sich selbst zu kopieren. Das ist ohnehin besonders lobenswert, dass Anderson und Kollegen keinen Abklatsch bzw. Aufguss eines Erfolgskonzeptes darbieten, sondern ein eigenständiges Werk, das schlicht eine innere Verbindung zum Ausgangspunkt herstellt.

Die hohe Dichte, Konsistenz und durchgehende Brillanz des großen Wurfs von 1972 erreicht das Sequel zwar nicht, dafür ist das neue Werk zu sehr in Einzelteile zerlegt, bei denen auch der bewusst gewählte narrative Intermezzo-Stil bisweilen für unnötige Brüche sorgt. Alles in allem aber findet man hier aber genau die Band wieder, die man seit Jahrzehnten für ihren konsequenten Weg und ihr konstant hohes Niveau überaus schätzt. Gemastered wurde das Album übrigens von keinem geringeren als Steven Wilson (Porcupine Tree, Blackfield), einem der herausragenden Progressive Rock Musiker unserer Tage.

 

Nein, Jethro Tull haben kein Wunder geschaffen und sich (zum Glück) auch nicht neu erfunden, aber sie haben auf sehr eindrucksvolle Weise einen Kreis geschlossen.

Chapeau!

Übrigens: Mit dem gesamten “Thick As A Brick”-Zyklus gehen Jethro Tull ab 14. April auf Welttournee. Die formidable Live-Band wird bei den Gigs beide Alben komplett spielen. In Deutschland stehen mehrere Termine für diese einzigartige Bühnenpräsentation auf dem Programm:

17.05. – Stuttgart, Liederhalle
19.05. – Augsburg, Schwabenhalle
20.05. – Berlin, Tempodrom
22.05. – Mainz, Phönixhalle
23.05. – Hamm, Alfred Fischer Halle
25.05. – Aurich, Sparkassen Arena
26.05. – Siegen, Kulturpur Festival
27.05. – Mannheim, Rosengarten
28.05. – Nürnberg, Meistersingerhalle
29.05. – Dresden, Kulturpalast
20.07. – Burg Herzberg Kulturfestival
21.07. – Calw, Calwer Klostersommer
16.08. – Bruchsal, Schlossgarten

»» TOURINFOS + TICKETS

www.j-tull.com



2 Kommentare zu “Jethro Tull drehen die Zeit zurück”

Tom am 5. April 2012 08:46

Unsinn auch, wenn Leute es über genau nehmen. Ad 1: Auch wenn das Album unter der Flagge Ian Anderson läuft, was uns wohl bewusst ist, bezieht es sich ja bewusst auf Jethro Tull. Ad 2: Das alte Recken bezieht sich eben auf das Alter der Marke Jethro Tull, deren Protagonist der “alte Recke” Ian Anderson ist. 3. Kann man ein Werk durchkomponieren und doch die Stücke entwickeln. (kann man aber nur wissen, wenn man sich wirklich für Musik interessiert und keine Engstirn ist : )
In diesem Sinne vielen dank für den Hinweis, der dann selbstredend überlesen hat, dass der Beitrag von einem Fan und Bewunderer von Ian Anderson/Jethro Tull geschrieben wurde.

Armin am 4. April 2012 15:33

Es handelt sich, was dem Rezensenten leider entgangen ist, nicht um eine Jethro-Tull-CD, sondern ein Soloalbum von Ian Anderson. Völliger Unsinn, wenn dann in der Besprechung gar von den “alten Recken” die Rede ist (Florian Opahle, der als Gitarrist mitwirkt, ist noch nicht mal 30). Unsinn auch, wenn da steht, die Band würde einen Song “entwickeln” – die Stücke sind komplett von Anderson durchkomponiert.

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