Musik - 28.03.12 -

Zweite Hommage an die Indie-Ikone

Die lange Reise zu Jeffrey Lee Pierce

Diese Album-Rezension muss mit einem Glückwunsch beginnen. Ich gratuliere Glitterhouse Records zur Entscheidung, die Liebe zur Musik und das Verständnis von besonderer Qualität im Jeffrey Lee Pierce Sessions Project zum Ausdruck zu bringen und uns um ganz besondere akustische Pretiosen zu bereichern. “The Journey Is Long” (VÖ 30. März) ist der zweite Teil der Kollaboration von Freunden und Bewunderern des herausragenden Songwriters Jeffrey Lee Pierce – ein Album zwischen Energie und Empathie, mit exzellenten und feinfühligen Song-Adaptionen, so brillant wie das 2010 erschienene “We Are Only Riders“.

Diese lange Reise zur Essenz des am 31. März 1996 an einem Gehirnschlag verstorbenen Kultsängers der amerikanischen Post-Punk-Band The Gun Club ist kein Tribute-Album im klassischen Sinne, wie auch der musikalische Initiator Cypress Grove ausdrücklich betont. Vielmehr handelt es hier um eine persönliche Anverwandlung und respektvolle Vollendung der hinterlassenen Songskizzen von Pierce durch Musikerkollegen, die ihm eng verbunden oder seelenverwandt sind – echte postume Freundschaftsdienste, die hier vollbracht werden. “The Journey Is Long” ist in seiner Gesamtheit ein wunderbarer Trip ins Innenleben eines musikalischen Ausnahmetalentes, dem es auf einzigartige Weise gelang, die Wildheit des Rock and Roll mit der Tiefe des Blues zu verschmelzen.

Jeffrey Lee Pierce wird in jedem einzelnen Song und jedem Interpreten lebendig und leibhaftig, seine Leidenschaft anschaulich, seine Zwischentöne offenbar – schon dafür gebührt der in Demut und Respekt vor dem spiritus rector versammelten Musikergemeinde großer Dank und Anerkennung. Gleich zu Beginn, wenn Nick Cave den Bluesrock von “City In Pain” verinnerlicht, ist man versucht, sich ein komplettes Album des Australiers in dieser Stilistik zu wünschen. Sein Landsmann Hugo Race, seines Zeichens Psycho-Blueser ist beim akustisch angelegten “I’m Going Upstairs” ebenso gut aufgehoben. Steve Wynn arbeitet auf “From Death To Texas” die Rockdynamik von Pierce heraus und die Kollaboration vom Bertrand Cantat (Noir Desir), Pascal Humbert (Lilium), Warren Ellis (Nick Cave & The Bad Seeds) und Cypress Grove spukt in “Rose’s Blues” vortrefflich durch die düsteren Seelendistrikte von Jeffrey Lee.

Herausragend sind die beiden unterschiedlichen Interpretationen des wunderschönen “The Breaking Hands”. Die Stimmen der Duo-erprobten Mark Lanegan und Isobel Campbell turteln in ihrer Version umeinander wie verliebte Tauben. Nick Cave und Deborah Harry (Blondie) drehen sich zum gleichen Song im Walzertakt in eine Melancholie-Spirale. So oder so wonderful! Ganz prächtig auch der Indie-Charme, den Astro-Unicorn auf “Body And Soul” verbreiten. Die Anwesenheit der New Yorker No-Wave-Sirene Lydia Lunch hinterlässt auf “The Brink” gespenstische und im kongenialen Duett mit Tex Perkins auf “In My Room” hendrix’sche Blues-Spuren.

Tav Falco’s Panther Burns grooven gitarrenlastig cool durch “The Jungle Book” und The Jim Jones Revue frönen zum Abschluss des tollen Albums dem guten alten Rock And Roll auf dem schmissigen “Ain’t My Problem Baby”. Über allem aber schweben für mich die beiden berührenden Auftritte von Mick Harvey, dessen letztes Soloalbum “The Book Of The Dead” ich schon tief ins Herz geschlossen habe. Wie er auf “Sonny Boy” und “St. Marks Place” die filigrane, verletzliche Seite von Jeffrey Lee Pierce freilegt und in herzzerreißender Schönheit zelebriert, kommt dem kollektiv Geehrten ganz nah und lässt ihn so erst recht schmerzlich vermissen.

Kurzum: “The Journey Is Long” ist sowohl durch sein stilistisches Spektrum als auch dank der Hingabe aller Musiker ans Projekt zur seltenen Perle von einzigartigem Glanz geraten. Schon jetzt eines meiner Lieblingsalben des Jahres, auf dessen Fortsetzung mit Volume 3 “The Task Has Overwhelmed Us” ich mich bereits unbändig freue. Vielleicht werden dafür  ja meine beiden dringlichen Wünsche erhört, dass erstens David Eugene Edwards ein weiteres Mal einen Klagegesang für Jeffrey Lee Pierce beisteuert und zweitens, dass Mark Lanegan als Zugabe den “Idiot Waltz” singt. Also liebe Glitterhouse-Schatzsucher, dann macht uns mal schön ein weiteres Mal glücklich.

www.glitterhouse.com

www.myspace.com/jlpsessionsproject



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