Musik - 04.03.12 -

Der Boss mit düsterem Blick

Bruce Springsteen – Der Rockfels in der Krisenbrandung

“…This is my confession/I need your heart in this depression…” Wenn Bruce Springsteen das Wort Depression in den Mund nimmt, dann sollte man wissen, was die Stunde geschlagen hat. Auf seinem neuen, dem 17. Studioalbum “Wrecking Ball” zeigt sich die Stimme der Unterprivilegierten und das gute Gewissen des American Dream wütend und ernüchtert zugleich vom Zustand der Welt und ihren kapitalistischen Auswüchsen und Unwuchten, die sie aus dem sozialen Gleichgewicht und damit aus den Angeln der Gesellschaft zu reißen drohen.

Der Boss beklagt lautstark, dass die Moral in seiner Nation und global zum Teufel ist und äußert seine Wut, die auf dem neuen Album am Rande der Resignation balanciert. Und das ist wahrlich kein gutes Zeichen. Umso besser aber ist wieder einmal, wie Springsteen diese Gefühlslage mit seinen Songs trifft und transportiert. Souverän kommen alle musikalischen Stärken von Springsteen zum Tragen, von Fiddle-geprägten Songs, die seit den Pete Seeger Sessions zum Grundrepertoire des Songwriters gehören über die direkten Rock And Roll Abräumer bis hin zur Reihe der stadiontauglichen Hymnen, die Nachdenklichkeit in die passenden Emotionen von menschlicher Solidarität packen.

So ruft der dynamisch rockende Auftakt in typischer E-Street-Band-Manier “We Take care Of Our Town” gleich die wichtigen Überlebensinstinkte ab und setzt auf den demokratisches Grundgeist, die politischen und gesellschaftlichen Dinge selbst in die Hand zu nehmen. “Easy Money” pinkelt den Finanzhasardeuren ans Bein, deren skrupellose Gier immer zu dem Reichtum führt, der andere in die Armut stürzt. Ganz groß die Ballade “Jack Of All Trades”, die Benachteiligten wieder mal aus der Seele singen dürfte. Zu schwerem Bläsersatz sinniert Bruce, wie es wohl wäre, eine Waffe zu haben und damit die Bastarde niederzustrecken, die für ihren Wohlstand selbst pausenlos über Leichen gehen. Puh, da muss man erst mal durchatmen.

Das eingangs erwähnte “This Depression” zieht sich aus der Wut zurück und besinnt sich auf die Liebe als letzten Schutzwall vor allem Übel. Zwischen rächender Aggression und der Kapitulation eines Rückzugs ins gänzlich Private balanciert der Boss über den Abgrund der Möglichkeiten, in dieser Welt seinen Platz zu finden. Und dass jeder Weg des Lebens ein steiniger ist, ganz gleich für welchen man sich auch entscheidet, beschreibt das großartige “Rocky Ground”, das auf einem elektronischen Beat basiert und den sich langsam aufbauen Rocksong mit scratchenden Gitarren, Trompeten und HipHop-Gospelchor auf Cinemascope-Größe zieht. Das beherrscht keiner so glaubwürdig wie der Boss, in einer solchen Emo-Kulisse zum zigsten mal den “Judgement Day” zu beschwören und den verbalen Zeigefinger zu erheben, dass das Blut an den eigenen Händen mit doppelt Blut bezahlt wird.

Wenn der Boss das zur Reunion der E-Street-Band geschriebene “Land Of Hope And Dreams” mit Gospelgesängen beginnen lässt und den American Dream als den Zug der Starken beschreibt, der die Schwachen mitzuziehen hat, dann ist das nicht weniger als die Mahnung, Werte wie Freiheit und teilhabe wieder gänzlich außerhalb der Finanzmärkte zu erkämpfen und nicht in die extrem ausbeuterischen Zeiten der Sklaverei zurückzufallen. Auch das sitzt wieder in Aussage und Ausdruck auf den Punkt perfekt. Bin hin zum letzten Saxophon-Solo des im vergangenen Jahr verstorbenen Bandmitglieds Clarence Clemons, das in diesem Kontext beinahe schon wie ein Wink von oben wirkt.

Das an den Schluss gesetzte, fast irritierend fröhliche “We Are Alive” kann eigentlich nur als Trotzreaktion zur Lust am Untergang verstanden werden. Das durchgehend überzeugende Album Bruce Springsteen spricht in seiner Gänze allerdings eine andere Sprache durchsetzt von bitteren Früchten der Erkenntnis, dass sich die Menschheit am Scheideweg befindet und zwischen Haben und Sein zu entscheiden hat. So Kraft strotzend Springsteens Musik immer noch ist, textlich so düster und so wenig Hoffnung stiftend war sie selten. Was das bedeutet, wenn eine moralische Instanz solche Signale sendet, mag uns noch nachdenklicher machen angesichts der Zeitläufte, in denen der Wert des Geldes zur Zerstörung aller wichtigen anderen Werte führt.

In dieser gefährlichen Brandung ist es wichtig, um einen – wenn auch brüchig werdenden – Fels wie den Boss zu wissen, der einem noch ein wenig Halt und Unterstützung bietet.

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