Musik - 03.03.12 -

Kurt Wagner ehrt Freund Vic Chesnutt

Lambchop – Die Verwandlung von Trauer in Sanftmut

Albumcover_Lambchop_Mr._MVic Chesnutt war ein ganz besonderer Songwriter. Kurt Wagner ist es auch. Beide verbindet eine enge langjährige Freundschaft, die 2009 ein jähes Ende nahm, als Chesnutt sich das Leben nahm. Mit dem neuen Lambchop-Album, das Vic Chesnutt gewidmet ist, gelingt Wagner und seiner Band Lambchop ein warmherziger Nachruf auf den Mann im Rollstuhl, der in Musikerkreisen, bei Kritikern und Liebhabern anspruchsvollen Somgwritings höchstes Ansehen genoss. “Mr. M” ist eine Trauerarbeit, wie sie würdiger und ausdrucksstärker nicht sein kann, die trotz allen Wehklangs nicht todtraurig gestimmt ist, sondern auch hoffnungsvoll klingt. Das musikalische Licht am Ende des Abschiedstunnels.

Vor dem neuen Liederzyklus für den Freund stand aber erst mal die Bestürzung über den Tod und eine kurzfristige Schreibblockade, die Wagner zunächst einmal dazu nutzte, sich auf andere Weise auszudrücken. Er wandte sich verstärkt der Malerei zu und so entstand eine Serie von Porträts wie eines das Albumcover von “Mr. M” ziert. In der Musik, zu der Wagner dann schließlich doch zurückfand, hat Wagner eine feine Balance aus Melancholie und Erhabenheit geschaffen. Dem entschleunigten minimalistischen Alternative Country fügt die Band warme Streicher hinzu, die das Album an manchen Stellen schon zur Indie-Symphonie werden lassen. Die Etikettierung “Psycho Sinatra“, die Wagner und seiner Band in diesem Zusammenhang zuteil wurde, ist so gesehen nachvollziehbar.

Wahr ist aber vor allem, dass Lambchop keine Vergleiche brauchen, weil sie selbst mittlerweile unvergleichlich sind. So platziert sich “Mr. M” auf dem hohen Niveau, das viele Alben der Band auszeichnet, atmosphärisch zu verorten zwischen “What Another Man Spills” und “Is A Woman”, zwei der von mir besonders geschätzten Meisterwerke der Männer aus der legendären Country-Metropole Nashville/Tennessee. Wagners Songwriting ist weiter gereift und reiht Perle an Perle und kommt ohne Umschweife zu seinem Topos, der Reflexion über Leben, Liebe, Tod. Dieser wird erst gar nicht tabuisiert, sondern im Eröffnungssong gleich verbalisiert. “If Not I’ll Just Die” streichelt mit Streicherflügeln die verwundete Seele und segelt möwengleich dahin.

“2B2″ weitet das Herz mit der für Lambchop so typischen Konzentration auf das Wesentliche – bedacht gesetzte Akkorde von Gitarre und Piano, ein schlafwandelnder Rhythmus und Wagners brüchiger Bariton, der Schmerz nicht krampfhaft intonieren muss, sondern auf den Stimmbändern bereits eingeritzt ist. Was ist das wieder für eine wundervolle Ballade zum Schwelgen und Schwärmen und ein paar Tränen verdrücken im Gedenken an Vic. Das optimistisch klingende “Gone Tomorrow” leuchtet Nacht und Trauer mit einem Sternenfirmament von Melodie aus. Da nehmen sich die beiden gegensätzlichen Stimmungen dieser zwei Lieder in den Arm. Oh Mann, dieser Wagner macht mich fertig.

Der Titel gebende “Mr. Met” tritt kammermusikalisch ans Gehör, um sich in hymnischen Country zu kleiden. Auch dieser Song voller Wohlklang, Wärme und Sanftmut wie ein Defilee von Herbstfarben im nahenden Frühling. “Gar” verbreitet etwas Van Morrison-Flair mit seinem in weiche Bläser gebetteten Soulhauch und reicht die Grabblumen weiter an “Nice Without Mercy”, dessen zarte Gitarrenphrasen sich mit Wagners Storytellerstimme kongenial paaren. Pure ergreifende Emotion auch hier.”Buttons” gefällt mit seiner Atmosphäre von Wiener Kaffeehausmusik, zu der man sich gleich genüsslich einen Kapuziner oder eine Melange gönnen möchte.

“The Good Life (is wasted)” mahnt uns mit einer vitalen E-Gitarre, das Leben wert zu schätzen und seine Momente zu feiern, gefolgt vom umwerfend schönen Gedankengang “Kind Of”, der im sehnsüchtigen Flehen um Liebe diese zur einzig gültigen Philosophie erhebt. Das ist schlicht mit Worten nicht zu beschreiben, wie sicher Wagner hier den richtigen Ton trifft. Dann tropft und perlt das Instrumental “Betty’s Overture” herein, um den Einsamen Trost zu spenden ehe schließlich die Ode “Never My Love” den großartigen Songreigen beschließt, mit dem Lambchop sich nachhaltig als eine der herausragenden Bands dieser Tage im Gedächtnis verankern.

Dass kürzlich der Kritiker einer angesehenen Zeitung die Unverfrorenheit besessen hat, dieses wunderbare Album als langweilig zu bezeichnen, kann nur bedeuten, dass eben jener selbst ein unglaublicher Langweiler sein muss, dem sich der ästhetische und ethische Wert dieses Werkes nicht erschlossen hat. Ein Album, das von einem tiefen inneren Frieden durchzogen ist. Ein Werk, das rührt. Balsam auf jede Wunde. Ich bin sicher, Vic Chesnutt würde dankbar und respektvoll die Mütze vor seinem Freund Wagner ziehen.

Übrigens: An der Bonus-Edition von “Mr. M” führt für Fans kein Weg vorbei, denn die ist mit einer fabelhaften DVD bestückt, die kleine Juwelen birgt. Eine Song-für-Song-Einführung in das Album von Kurt Wagner, einer Basement-Session mit drei Rohfassungen des neuen Materials sowie dem großartigen Liveauftritt von Lambchop zum 20jährigen Jubiläum ihres Labels City Slang im Berliner Admiralspalast. Wer das sieht und hört, wird sicher umgehend Tickets für die Deutschland-Tour ordern, deren Termine wir hier bereits angekündigt haben.

Als Support Act auf der Tour werden Lambchop von Cortney Tidwell begleitet, mit der Wagner zuletzt im Duo das ebenfalls äußerst hörenswerte Album-Projekt KORT mit Country-Covern vom Feinsten eingespielt hat.



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