Musik - 19.02.12 -

30 Jahre außergewöhnliche Klangkunst

David Sylvians Avantgarde-Pop-Perlen

David_Sylvian_A_Victim_Of_StarsWer nach Karneval den Drang verspürt, das Gegenteil von Rumtata- und Tätärätä-Oberflächlichkeit zu erleben und sich mit der Ernüchterung des Aschermittwochs nach Tiefe sehnt, dem sei eine musikalische Meditation empfohlen. Fasten muss man dabei nicht, denn am 24. Februar erscheint ein sehr gehaltvolles Werk, dessen geistiger und seelischer Nährwert nichts von Askese hat, auch wenn die Klänge sich bisweilen an der Grenze zur Stille bewegen. “A Victim Of Stars” von David Sylvian ist eine exzellente Retrospektive der 30jährigen Soloarbeit des britischen Avantgarde-Pop-Künstlers. Wahrlich Pop von einem anderen Stern.

Kennern des gehobenen progressiven Pop muss man David Sylvian nicht mehr vorstellen, denen ist er seit langem als einer der bedeutendsten Musiker bekannt, dessen Wirkungsgrad in den Grenzbereichen des Pop sicher mit dem eines David Bowie zu vergleichen ist. Schon zu Beginn seiner Karriere prägte Sylvian bei der New Wave Band Japan deren für die Zeit ungewöhnlich subtiles Songwriting, das zum Ende der Bandgeschichte im meditativen Song “Nightporter” gipfelte, dessen stiller, konzentrierter Charakter den weiteren Weg von Syvian vorzeichnete. Der Sänger gab sich schlicht mit dem Glamour-Image eines Pop-Stars nicht zufrieden, wanste sich aufrechten Gangs vom schnelllebigen Pop hin zu nachhaltigerer Musik und begab sich auf die Suche nach nicht gehörten Klängen. Mit seiner starken Persönlichkeit und seinem unvergleichlich samtweichen Bariton als sichere Trümpfe entschied Sylvian sich dafür, seiner Musik eine andere Art von Glanz verleihen als den von Blitzlichtgewittern.

Bereits seine ersten Soloversuche zeigten dann Sylvians besonderes Talent, außergewöhnliche Soundscapes zu schaffen, die immer noch Pop, aber weit mehr waren. Grenzgänge zu Klangwelten, die jenseits der normalen Hörgewohnheiten sind. 1983 gelang ihm in Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto und dem Song “Forbidden Colours” zum Film “Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence” (mit David Bowie in der Hauptrolle) ein erster von vielen folgenden faszinierenden Songs, die einen ganz eigenen magischen Charakter hatten. Auch “Bamboo Houses” atmete diesen Hauch von asiatischem Geheimnis – ein weiterer früher Song voller Zauber. Mit seinem ersten offiziellen Soloalbum “Brillant Trees” wurde dann deutlich, dass dieser David Sylvian über eine kompositorische Klasse verfügt, die ihresgleichen sucht. Mit Songs wie “Red Guitar”, “The Ink In The Well” oder dem wunderschönen “Nostalgia” (das auf der neuen Compilation leider nicht vertreten ist) prägte der Brite von Beginn an einen eigenen, unverwechselbaren Stil, der von ungeheurer Eleganz und Klangbrillanz geprägt war und bis heute ist.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich Sylvian auf diesem extremen Niveau konsequent weiter, ging auf seinem Weg immer wieder neue fesselnde Kollaborationen mit anderen Künstlern ein von besagtem Freund Sakamoto über Jazzmusiker wie Jon Hassell und Arve Henriksen bis hin zu Klangtüftlern wie Holger Czukay (Can), Robert Fripp (King Crimson) und Burnt Friedman. Und immer trieb ihn dabei seine Neugierde und sein offener Geist für alles Ungehörte in Experimente, die mittlerweile in avantgardistische Werke wie zuletzt “Manafon” mündeten. Oder die bei Nebenprojekten wie der Band Nine Horses dem Pop eine neue Extravaganz verliehen. Folgerichtig gründete Sylvian auch sein eigenes Label, um völlige künstlerische Freiheit bei der Produktion zu haben. Auf Samadhisound bietet er auch seelenverwandten Musikern die Gelegenheit, “Klangkunstwerke” zu veröffentlichen, die sonst wahrscheinlich nie verlegt würden ob ihrer Eigenartigkeiten.

So ließ uns Sylvian u.a. in den Genuss des wundervollen Albums “The Opiates – Revised” von Thomas Feiner kommen, das seinem Titel alle Ehre macht und geradezu berauschend schön klingt wie eben auch alles von David Sylvian, der seine Hörer mitunter auf teilweise bizarre, fremdartige Reisen in neue Klangräume mitnimmt. “A Victim Of Stars 1982- 2012″ ist die Essenz all dessen und ein unbedingt zu empfehlendes Album, dessen magische Kraft der Entschleunigung ein wahres Gegengift zu den Zeitläuften ist. In der Schnittmenge hat diese Retrospektive einige Überschneidungen mit der bereits veröffentlichten Compilation “Everything & Nothing”, die zur Jahrtausendwende erschien. Alles Wichtige nach 2000 findet sich aber auf dieser erweiterten Werkschau. Zudem bietet das aktuelle Doppelalbum einen gänzlich neuen Song namens “Where’s Your Gravity?”, der allein schon den Kauf der Platte rechtfertigen würde, weil er geradezu die Inkarnation der eben beschriebenen wohltuenden Entdeckung der Langsamkeit ist. “…share your thoughts with me, waste my time..” heißt es da. Kann eine Einladung zur Muße wesentlicher sein?

Zweieinhalb Stunden Musik der absoluten Meisterklasse, in deren extravaganten Klangbildern man sich versenken kann. Edler kann Popkultur nicht sein.

www.davidsylvian.com

www.samadhisound.com



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