Musik - 18.02.12 -

Die Stimme für Sturm und Stille

Morbide Mollancholien: Mark Lanegans fesselnder Elektro-Blues

Was das Album des Jahres betrifft, könnte es 2012 ähnlich laufen wie im Vorjahr. Der Februar avanciert zum Monat mit den chancenreichsten Veröffentlichungen. Waren es 2011 unsere Jahressiegerin PJ Harvey mit dem grandiosen “Let England Shake” und das Debütalbum von James Blake, die unseren musikalischen Nerv trafen, so sieht auch der Februar 2012 wieder viele Favoriten. Tindersticks, Lambchop, Otis Taylor, Shearwater und gerade aktuell Mark Lanegan samt Band mit seinem “Blues Funeral”.

Es hat zwar ein intensives mehrmaliges Hören gebraucht bis ich mich mit dem “neuen” Mark Lanegan wirklich anfreunden konnte. Denn die Elektronica-Dichte auf dem ersten Solo- bzw. Bandalbum des besten Rocksängers seiner Generation seit acht Jahren lässt einen zunächst nicht ganz irritationsfrei zurück. Doch wenn der Funke erst mal gezündet hat, hauen einen Marks morbide Mollancholien um wie der Sensenmann persönlich. Das psychedelische Blues-Begräbnis, zu dem der Totengräber Lanegan dampfendes Bluesgebräu aus Rock und Folk, Synthie-Pop und Krautrock-Elektronik reicht, gestaltet sich zu einer tiefschwarzen Messe, bei der faszinierend melancholische Mantras wie Weihrauch aus der Kehle dieses einzigartigen Sängers schweben.

Bereits beim pulsierenden “Gravedigger’s Song” weiß man, was das Stündlein auf diesem Album geschlagen hat: Mitternacht. Im dichten Korsett schwerer Synthies entfaltet sich diese wuchtige, fiebrige Rock Noir Hymne zum Sog, dem man sich bis zum Albumende nicht mehr entziehen kann. Was für ein Monster von Opener. “Bleeding Muddy Water” im Anschluss zieht einem dann gleich vollends den Boden unter den Füßen weg. Wie diese Stimme im schleppenden Rhythmus des Songs durch die Düsternis marschiert – Wahnsinn! Da irgendwo muss gleich das spärliche Licht kommen, das ins Jenseits weist.

Wie schon auf dem ebenfalls hervorragenden Vorgänger “Bubblegum” beherrscht Mark Lanegan mit seiner Band und Gästen wie Josh Homme und Greg Dulli das Wechselspiel aus Rocknummern und Balladen ganz vortrefflich. “Gray Goes Black” ist geprägt von kristallklaren Gitarrenlinien, die hell aus dem dunklen Songbett hervorstechen, rhythmisch nach vorne gepeitscht. Danach wird einem Schwarz vor Augen, denn der “St. Louis Blues” lässt Gebeine selbst in der Hölle noch gefrieren mit seinem knochentrockenen Beat Box Rhythmus, den Lanegans Organ knochentrocken kontert. Und die Zeile “if tears were liquor I’d have drunk myself sick” lässt einen ehrfürchtig auf die Knie sinken.

Krachend und scheppernd wird der “Riot in my house” vertrieben mit Gitarren, die wie modernen Exorzisten Klingen. Durchsetzt von giftigen Riffs wie wir sie von den White Stripes oder The Dead Weather lieben. Dann der Track, der purer Ernst von Lanegan ist, aber als Abgesang eine höchst ironische Note besitzt. Das dichte, bittersüße, in Synthienetzen verstrickte “Ode To Sad Disco” besitzt echte Pop-Chuzpe, lässt jemanden wie mich aber auch um darum betteln, dass mich der akustische Lanegan aus dieser Tanzbude befreie. Der erhabene “Phantasmagoria Blues” tut mir umgehend den Gefallen und gönnt meinen Ohren Erholung.

Schon schneidet “Quiver Syndrome” unerbittlich in die Gehörgänge, bohrt mit scharfen Gitarren und spitzen Elektro-Scheren in meinem Kopf herum. Ja und dann kommen unverhofft U2 durch die Tür, aber mit einem richtig guten Sänger. Ja, tatsächlich hat das fabelhafte “Harborview Hospital” etwas von der Attitüde, mit der sich die Iren seinerzeit in Berlin neu erfanden und ihren Meilenstein “Achtung Baby” produzierten. Obwohl Lanegans musikalische Vielseitigkeit ja bekannt ist, hätte ich mir das von ihm – vor allem so gekonnt – nicht erwartet.

Beim schwer keuchenden “Leviathan” holt uns der Meister auf angestammtes Terrain zurück und wird dann auf “Deep BLack Vanishing Train” endgültig wieder zum vertrauten Lanegan, der immer noch am besten ist, wenn seine gewaltige Stimme zarte akustische Gitarrensaiten zu Tränen singt. Mit dem 7minütigen “Tiny Grain Of Truth” bringt Mark die Beerdigung konsequent und würdig zu Ende. Und wir ziehen den Hut und werfen allen Verblichenen still und ergriffen die Albumcover-Blumen nach. Kein Wunder, dass “Blues Funeral” vom MOJO Magazine bereits der Stempel eines vermeintlichen Jahres-Siegers aufgedrückt wurde mit fünf Sternen und der Sonderauszeichnung “Instant Classic”, das nur sehr werthaltigen Werken vorbehalten ist. Denn Lanegan ist wahrhaftig ein Monolith von Album gelungen, das vor melancholischer Rockkraft nur so strotzt. Sollte ich dereinst statt in den Blueshimmel in tiefere Gefilde abberufen werden, so wird es mir ein großer Trost sein, dort diese großartige Musik zu hören, die voll höllisch heißer Bluesglut ist. Dreckiger und Ehrfurcht gebietender als Lanegans Organ kann auch die Stimme des Leibhaftigen nicht sein.

Formidabel!

marklanegan.com



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