Musik - 01.02.12 -

Sphärische Jazztronica-Klangwelten

Das Portico Quartet entwickelt sich weiter

Ihre ersten beiden ausgezeichneten und hoch gelobten Alben “Knee-Deep In The North Sea” und “Isla” haben die junge britische Jazzband Portico Quartet nicht dazu verführt, beim dritten Streich auf Nummer Sicher zu setzen. Im Gegenteil, die Londoner werden auf dem selbstbetitelten neuen Werk ihrem Ruf, die Radiohead des Jazz zu sein, durch den ausgiebigen Flirt mit Electronica und Dubstep-Elementen mehr als gerecht.

Was nach Experiment klingt, ist nur die konsequente Weiterentwicklung eines Klangkosmos, der Genre-Grenzen nicht kennt und braucht. Zunächst einmal muss der Hörer allerdings den Weggang von Nick Mulvey verdauen, dessen meditatives Hangspiel bislang eines der prägenden Elemente des besonderen Portico-Klangs war. Mulvey entschied sich 2011 dafür, sich eigenen Musikprojekten zu widmen. Ersetzt wurde er durch den Keyboarder Keir Vine, der den Horizont der Band Richtung elektronische Gefilde ohrenscheinlich zu erweitern verstand. Zum Glück ist der spezielle Hangsound durch das Experimentieren mit entsprechenden Samples erhalten geblieben, wenn auch deutlich zurückgenommen.

Gleich zum Einstieg des Albums macht einen Portico Quartet mit der neuen elektronischeren Ausrichtung vertraut und lässt einen auf dem Klangteppich von “Window Seat” ins Album schweben, dass für Hardcore-Jazzfans allerdings erst einmal eine Hemmschwelle sein dürfte, die es zu überwinden gilt. Dafür finden sie in “Ruins” gleich einen hoch spannenden Track, der einmal mehr den Radiohead-Vergleich herausfordert. Die Verzahnung von Rhythmik und Melodik und die klangliche Dichte dieses Stücks ist so elektrisierend wie auf den Vorgängeralben.

Auf “Spinner” bauen Elektro- und Rhymussektion einen weiten Raum für das lyrische Saxophonspiel von Jack Wyllie, das frei durch diese Sphäre wandeln kann. Hier wird deutlich, dass in die unbestrittene Eigenständigkeit der Band neue Einflüsse Eingang gefunden haben. Klang-Avantgardisten wie Arve Henriksen und David Sylvian haben offenbar ebenso Spuren im Portico-Sounddesign hinterlassen wie die Experimentierfreudigkeit des britischen Elektronik-Duos Mount Kimbie oder von Jazz-Kollegen wie Nils Petter Molvaer.

Das alles verschmilzt das umbesetzte Quartet zu einem Amalgam von transparenten Klangbildern, die von verführerischer Kraft sind und das Kino im Kopf befördern. Das führt auf “Rubidium” zu einer ganz besonderen Atmosphäre, in der sich der optimistische Klang des Hang in einen Wettbewerb mit düsteren Saxophonschleifen begibt, durch Vines Sequenzer- und Keyboardstörfeuer und einer Solosalve von Schlagzeuger Duncan Bellamy kurzfristig aus der Mitte geschleudert, um danach in die melodisch schwermütige Umlaufbahn zurückzukehren.

Das Piano-Intermezzo “Export To Hot Climate” setzt einen kurzen Ruhepunkt in das quirlige Treiben von Portico Quartet, die mit dem drängenden, fiebrigen “Lacker Boo” gleich wieder ihre jazz-spacige Raumfahrt fortsetzen. Auch hier eine fesselnde Moll-Stimmung, die zwischen nervöser Unruhe und sphärischer Tiefe pendelt und durch geheimnisvolle Streicher-Assoziationen beflügelt wird – einer meiner persönlichen Favoriten im bisherigen Bandschaffen.

Ein weitere Höhepunkt das zusammen mit der schwedischen Sängerin Cornelia Dahlgren entwickelte “Sleepless”, das dem Songtitel durch seine Dubstep-Charakteristik alle Ehre macht und in die musikalische Kerbe schlägt, die im Vorjahr jungen Talenten wie James Blake, Nicolas Jaar und Jamie Woon viel Aufmerksamkeit und Anerkennung gebracht hat. “4096 Colours” kreist wie ein einsamer Soundsatellit durch das Portico-All, in dessen Mittelpunkt sich ein Saxophon-Planet um die eigene Achse dreht.

Pulsierende Percussion-Sounds treiben “City Of Glass” an ehe es von markanten Basslinien zum Jazz freigeben wird, in dem Wyllies Kannenklänge einmal mehr den subtilen Ton angeben. Auch dieser Track von einem anderen Jazz-Stern. “Trace” schließlich legt ein schneidendes elektronisches Echo in die Zukunft, von der man bei Portico erwarten darf, das sie weiter für positive Überraschungen gut sein wird. Wer wie die Briten den Mut besitzt, sich auf hohem Niveau auszuprobieren und immer wieder neu zu definieren, der ist für jede kreative Großtat gut.

www.porticoquartet.com



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