Bücher - 29.01.12 -

Reif für den Literatur-Nobelpreis

Der Solitär Paul Nizon und die Sinnlichkeit der Sprache

Paul Nizon ist einer der besten Schriftsteller der Welt. Er hätte längst den Nobelpreis bekommen müssen.” Diese Einschätzung von Frédéric Beigbeder (39,90, Windows On The World), neben Michel Houllebecq (Karte und Gebiet, Elementarteilchen) der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Frankreichs, die im Klappentext zu Paul Nizons neuem Buch “Urkundenfälschung – Journal 2000 – 2010″ abgedruckt ist, kann ich als langjähriger Verehrer dieses fabelhaften Autors nur unterstreichen.

Den Wunsch, Nizon mit dem Nobelpreis auszuzeichnen, hatte ich 2009 bereits anlässlich dessen 80. Geburtstag geäußert. Der aktuelle Band seiner Notizen und Aufzeichnungen – wie von Beginn seiner Karriere an im Frankfurter Suhrkamp Verlag veröffentlicht – rechtfertigt diese Forderung der ultimativen Würdigung einmal mehr. In dieser kleinen Form des “Texte Versammelns” als Prozess des Sich Selbst Sammelns offenbart sich die ganze Größe der poetischen Kunst von Paul Nizon, der in der öffentlichen Wahrnehmung – ähnlich wie die wunderbare Friederike Mayröcker – leider ein Außenseiterdasein führt.

Der 1929 in Bern geborene Autor hat sich neben seinem kleinen, feinen Hauptwerk über 50 Jahre mit den fortlaufend, aber unregelmäßig geführten Journalen ein nicht minder hochkarätiges Nebenwerk von Aufzeichnungen geschaffen, in dem seine enge persönliche Vereinnahmung und Verausgabung des Schriftstellerdaseins zum Ausdruck kommt. Nizon ist unbestreitbar einer, der im Schreiben lebt, um sich das Leben zu erschreiben.

Ob und wie er das Momentum Glück als den Augenblick des zu sich Findens, um ganz bei sich sein zu können beschreibt, ob er sich nach einem Umzug innerhalb von Paris die neue Heimat erschließen muss und uns dabei an der eigenen Befindlichkeit teilhaben lässt oder wie er die eigene Bekanntschaft und Einschätzung des Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti mit der öffentlichen Rezeption und Reputation abgleicht, immer ist der Autor Nizon als Mensch Nizon aus nächster Nähe spürbar und seine Teilnahme am Leben wie ein offenes Buch zu lesen. Und dieses Buch ist voll subtiler Wahrnehmung und Reflexion, feingeistiger filigraner Beobachtungen und Beschreibungen, voll sprachlicher Schönheit und Sinnlichkeit.

Der Flaneur, Voyeur und Sprachjongleur Nizon, der seit 35 Jahren in Paris lebt, erweist sich in “Urkundenfälschung” wieder einmal als literarischer Solitär, der dem ursprünglichen Begriff vom Schriftsteller wie kaum ein zweiter entspricht, der diese ständige Herausforderung verkörpert, sich des des Lebens durch das geschriebene Wort, durch das Festhalten in der Sprache, durch das Stellen in der Schrift zu vergewissern. Ein “Essenzdichter” wie er sich im neuen Band selbst charakterisiert.

“Am Schreiben gehen” lautet der Buchtitel seiner Frankfurter Vorlesungen. Ich kenne niemanden, dem die Sprache so zu Kopf und Hand und Fuß geworden sind.

Die fünf äußerst lesenswerten Jounal-Bände von Paul Nizon im Überblick:
Die Erstausgaben der Gefühle. Journal 1961–1972.
Das Drehbuch der Liebe. Journal 1973–1979
Die Innenseite des Mantels. Journal 1980–1989
Die Zettel des Kuriers. Journal 1990–1999
Urkundenfälschung. Journal 2000–2010

Um den großen Unbekannten der Weltliteratur etwas näher kennenzulernen, empfehle ich nachfolgenden Artikel in “Die Zeit” aus dem Jahr 2010 anlässlich der Verleihung des Staatspreises für Europäische Literatur an Paul Nizon.

www.zeit.de/2010/46/A-Nizon

www.suhrkamp.de

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