Berechtigter Hype um das Girl der Stunde
Lana Del Rey – Sexy Songs mit Sixties-Flair
Der Hype, den Lana Del Rey 2011 mit ihren Klasse-Songs “Video Games” und “Blue Jeans” ausgelöst hat, angefeuert durch ihre gekonnte Selbstdarstellung als Lolita-Vamp unter der cleveren Marketing-Typisierung “Gangsta Sinatra” muss sich spätestens mit dem von hohen Erwartungen besetzten Debütalbum als berechtigt oder überzogen erweisen. Nach mehrmaligem Durchlauf des gestern erschienenen “Born To Die” geht der Daumen des Ohrtrommlers eindeutig nach oben. Volltreffer!
Und das nicht nur, weil die besagten und bekannten Songs inklusive des Titelstücks auch nach wochenlanger Heavy Rotation nichts von ihrem fesselnden Charakter verloren haben und selbst nach x-fachem Hören nicht nerven. Allein das ist schon ein Qualitätsmerkmal. Nein, auch das Songmaterial der in London lebenden New Yorkerin hält selbst der kritischsten Betrachtung stand. Lana Del Rey zerstreut mit ihrem ersten Longplayer alle, aber auch wirklich alle in letzter Zeit – teilweise gezielt – gestreuten Zweifel und Skepsis, ob sie denn mehr Pfeile im Köcher hat als diese paar Single-Hits. Hat sie und zwar reichlich.
Die 12 Songs (plus die 3 auf der empfehlenswerten Deluxe Edition) bewegen sich fast durchgehend auf dem hohen Niveau der Singles, mindestens die Hälfte der Tracks besitzt ähnliches Faszinationspotenzial und für mich sind sogar zwei, drei Songs auf “Born to Die”, die das bisher Bekannte noch toppen. Natürlich erfindet die junge Musikerin die Musik nicht neu, ihr Stil ist eindeutig Sixties-Retro, wie sie auch selbst bekennt. Aber die Art und Weise und Konsequenz, mit der sie eben Vorbilder wie Nancy Sinatra zitiert statt kopiert und eine eigenständige Aura damit kreiert, nötigt Respekt ab und mündet in Songs, denen es gelingt, die Balance aus erwachsener Erotik und mädchenhafter Unschuld perfekt zu vermitteln.
Klar ist Del Reys musikalisches Konzept verbunden mit einer kühlen Koketterie, die zur künstlerischen Stilisierung und Imagebildung eingesetzt wird, deren Ziel eindeutig große Popularität ist, doch trotz des Gestus von Geheimnisumwitterung entbehrt das alles nicht eines gewissen Charmes, hinter dessen vermeintlicher Naivität eindeutig eine Frau steckt, die offensichtlich weiß, was sie will und was sie kann. Und dazu gehört, das laszive Lolita-Image in Ton und Bild zu pflegen und auf diese geschickte Weise zum Vorbild für junge Frauen und zum Abziehbild männlicher Sehnsüchte zu werden.
Wer wäre je auf die Idee gekommen, Madonna oder Lady Gaga ihre cleveren Strategien und Raffinessen einer höchst erfolgreichen und lukrativen Selbstinszenierung bzw. Selbstvermarktung vorzuwerfen?
“Super-8-Filme für die Ohren” hat der Stern die Songs vortrefflich charakterisiert, die sich hochgradig dazu eignen, Liebesszenen in Hollywood-Filmen zu erotisieren oder in Werbespots eingesetzt zu werden, um selbst banalste Produkte zu Objekten der Begierde werden zu lassen. Die Songs verfügen über das gewisse Etwas, über ein anziehendes Flair, dem man sich schwer entziehen kann und gerne hingibt. Vielleicht auch weil es sich so anfühlt wie verliebt sein. Lana Del Rey hat dieses schmerzende Glück in der Stimme, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat. Diese Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt-Melancholie durchzieht ihre Songs. “Born To Die” ist hier als programmatischer Titel lesen. Und so ist es leicht, mit ihr zu lieben und zu leiden, ja mit ihr im Begehren und Verzehren vor Liebe zu sterben.
Zwar durchschaut man schnell, dass hier alles nach dem gleichen Strickmuster funktioniert, aber wenn jemand seine Masche eben so gekonnt und geschickt strickt, lässt man sich nur allzu gerne umgarnen und einwickeln. Lana Del Rey hat sich zudem mit einigen guten Co-Songwritern umgeben, die sich ganz in den Dienst der stilistischen Einheitlichkeit stellen. Und die fördert einige Perlen zutage, die tatsächlich im Spektrum und Spannungsfeld der Sixties-Ikonen Nancy Sinatra und Dusty Springfield anzusiedeln sind. (Von letzterer ist übrigens jüngst mit “Goin’ Back – the Definitive Dusty Springfield” ein sehr empfehlenswertes, üppiges ausgestattetes Box Set erschienen.)
Romantik, Erotik, Tragik von Del Reys ins Ohr hauchender, sinnlich vibrierender Stimme, die zugleich so schüchtern und hingebungsvoll lüstern flüstern kann, transportiert, von wirkungsvollen Twangs, Beats, Loops und Samples und sehnsüchtigen Streichern eskortiert, das man einfach nur wehrlos dahinschmelzen kann. Das gipfelt dann in wirklich großen nachhaltigen Pop-Hymnen, von denen dieses Jahr sicher noch einige die Charts stürmen werden.
Angefangen beim locker-leichten “Diet Mountain Dew”, das vorbei wischt wie ein glitzernder Cheerleader-Puschel. Mit effektvollem Feuerwerk eingeleitet, ist “National Anthem” ein melancholisches Marshmellow, das auf dem Gehör zergeht wie ein bittersüßes Nichts. “Dark Paradise” ist einer der überragenden Songs, der in die gleiche Kerbe schlägt wie jene, die den Del Rey-Hype auf Youtube ausgelöst haben. Dieser Refrain geht durch Mark und Bein – Hit!
“Radio” hat zum Auftakt so viel Sex Appeal in der Stimme, dass die üblichen weiblichen Verdächtigen der Charts schon ganz blank ziehen müssten, um damit konkurrieren zu können. Und wer bei “Million Dollar Man” nicht endlich schwach wird, dem ist nun wirklich nicht zu helfen, der muss Hornhaut auf Herz und Gehör haben. Mein persönlicher Favorit ist die großartige, Gänsehaut erzeugende Ballade “Summertime Sadness” mit Spaghetti-Western-Gitarre und der spannungsvollen, umwerfend eingängigen Melodie. Spätestens jetzt sollte jeder Musikfan erkennen, dass Del Rey hier auf dem hohen Niveau von Klassikern wie “Bang Bang (My Baby Shot Me Down) agiert.
“This Is What Makes US Girls” dürfte schon seines Titels wegen das Zeug zur kollektiven Verbündung der Weiblichkeit haben. Von den Bonus Tracks seien noch die Schnulze “Without You” hervorgehoben sein, die sich herrlich an die Herren der Schöpfung heran schmachtet. Und “Lucky Ones” schließlich eignet sich ausgezeichnet als gesungene Headline über die Oscar-Verleihung.
Fazit: So sexy war Pop schon lange nicht mehr und da ist zuallererst mal die Musik gemeint und nicht die Künstlerin, die sie verkörpert. Und ja, ich bin frisch verliebt in Elizabeth Grant und ihre Songs!
P.S. Wer Retro-Musik wie diese liebt, sollte sich umgehend auch “Pray To Be Free” von James Levy & The Blood Red Rose anhören. Gleichfalls ein exzellentes Album mit reichlich Anklang an die Sixties und ein wenig mehr Indie.
www.lanadelrey.com
Ähnliche Artikel:
- James Morrison – I Won’t Let You Go [VIDEO]
- Verneigung vor den texanischen Blues-Rock-Legenden von ZZ Top
- Chris Isaak und die Sehnsucht nach der Welt jenseits der Sonne
- Cymbals Eat Guitars lassen Musikvideo Genre hinter sich. Kurzfilm ist angesagt!


Video des Tages
Famoses Album der Prog-Rocker
Die Stimme für Sturm und Stille















