Musik - 27.01.12 -

Exzellentes Alterswerk des kanadischen Poeten

Größe, Schönheit, Gelassenheit – Leonard Cohens Old Ideas

Wenn ein Künstler wie Leonard Cohen 77 Lebensjahre zählt, darf man bei einem neuen Album sicher – ohne respektlos zu erscheinen – von einem Alterswerk reden. Erst recht, wenn im Titel wie bei “Old Ideas” das Thema bereits angelegt ist. Abgesehen davon stehen die alten Ideen hier für etwas, das ungeheuer beruhigend und wohltuend ist in dieser Echtzeit-Manie und das den haltlosen Zeitläuften als weiser Gegenentwurf der Entschleunigung mit einer Ausgeglichenheit und Souveränität daherkommt, das man es nur freudig willkommen heißen kann.

Es sind gute alte Werte, die Leonard Cohen uns vermittelt auf diesem wunderbar entspannten Album, seinem meiner Einschätzung nach besten seit “I’m Your Man” aus dem Jahr 1988. Acht Jahre nach dem doch eher enttäuschenden “Dear Heather” spielt der kanadische Poet seine bekannten und hoch geschätzten Stärken aus, die ihn zur großen Songwriter-Ikone neben Bob Dylan haben werden lassen. Die fast stoische Ruhe und Konzentriertheit im brüchigen Bariton, die das Leben, die Liebe und das Vergehen reflektierenden Lyrics und die dunkle mollweiche Melancholie in Poesie und Melodie, die immer irgendwo zwischen Willkommen und Abschied verortet scheint.

Kurzum: Cohen bewegt uns mit 10 Liedern, in denen er sich textlich wie musikalisch auf das Wesentliche konzentriert. Stille Gebete und leise Litaneien voller Weisheit und Würde, die sich hier mal ein Orgelspiel gönnen, dort einen Anflug von Flamenco-Gitarre. Sehr geerdet und zugleich doch metaphysisch. Jede Zeile, jeder Ton zeugt davon, dass dieser Mann mit sich, der Welt und Gott im Reinen ist. Vor allem auch mit der Liebe, seinem – wie es scheint – persönlichen Lebenslehrer und spiritus rector. Und darum sind seine Songs nach wie vor sehr sinnlich.

“Old Ideas” wirkt auf mich als würde Leonard Cohen in einer kargen Kapelle am Ufer des Lebens eine intime Andacht über sein irdisches Dasein singen, begleitet bereits von Engelschören aus einem hoffentlich noch fernen Jenseits. Da ist kein Hauch von Furcht in diesen Liedern, nur die Gewissheit zu sein und auf Dauer nicht zu bleiben außer in dem, was man an Gedankengut und Liedgut hinterlässt. Die Spur der Kunst. Vollendet in zwei der schönsten Songs, die Cohen je geschrieben hat: “Amen” und “Come Healing” – beide auf ihre Art ein neues “Famous Blue Raincoat” und “Hallelujah”.

So viel Größe und Gelassenheit kann man sich für das eigene Alter nur wünschen und solche Ideen, die eben nicht alt sind, sondern zeitlos.

www.leonardcohen.com

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