Musik - 08.01.12 -

Der Thin White Duke wird 65

Die genialen Metamorphosen von David Bowie

Jahr 2000 wurde David Bowie vom New Musical Express zum einflussreichsten Popmusiker aller Zeiten gewählt. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass David Robert Haywood Jones, der heute vor 65 Jahren in London zur Welt kam, dieser Einschätzung uneingeschränkt würdig ist. Bowie ist einer der großen Pioniere der Rockmusik, ein Magier der Verwandlungen, ein Meister der Stilfalt, weit mehr als ein musikalisches Chamäleon – einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Zu all dem gratulieren wir heute ihm. Und uns.

Denn dieser Mann hat uns um vieles bereichert, das von dauerhafter Bedeutung ist. In vielen verschiedenen Gestalten von Major Tom über Ziggy Stardust bis zum Thin White Duke hat sich David Bowie stets anders verpuppt, um sich stets neu als schillernder Schmetterling zu häuten. Mit immer neuen stilistischen Farben, die sein Werk zu einem der facettenreichsten, bizarrsten, erstaunlichsten und vor allem qualitativ nachhaltigsten machen. Immer waren es die Wandelbarkeit von David Bowie, seine Neugier und seine Experimentierfreude, die ihn aus der Masse herausragen ließen und ihm den Status des Unantastbaren verliehen.

Schon früh in seiner Karriere wurde deutlich, dass David Bowie an einem Gesamtkunstwerk arbeitete, das seinen vielen Talenten und Alter Egos gerecht werden sollte. Dem inspirierten Musiker, dem sensiblen Schauspieler, dem meditativen Maler. So war es auch nicht verwunderlich, dass er nach seinem musikalischen Durchbruch zu Beginn der 1970er Jahre im Dunstkreis von Andy Warhols Factory genau die künstlerischen Kontakte und Inspirationen fand, die seine vielen Wesen beeinflussten und bereicherten wie etwa das Zusammentreffen mit den New Yorker Rockhelden Velvet Underground.

Apropos Andy Warhol. Auf seinem wundervollen Singer-/Songwriter-Album “Hunky Dory” aus dem Jahr 1971, das im vergangenen Jahr vom Musikmagazin MOJO zum besten Bowie-Album ever erkoren wurde, widmete Bowie der New Yorker Künstlerikone einen wundervollen Song, der einen der vielen Höhepunkte dieses Meisterwerks markiert, auf dem sich auch “Life On Mars” findet, einer seiner ganz großen Songs für die Ewigkeit. Es lohnt sich, dieses Frühwerk von David Bowie wieder zu entdecken, in dem all seine Talente angelegt sind.

In der Folge gelang es David Bowie auf faszinierendste Weise, sich in immer neue Wesen zu verwandeln, die ebenso wie seine von vielen Einflüssen geprägte Musik von einem anderen Stern zu kommen schienen. Die Kunstfigur Ziggy Stardust wurde zu seinem zweiten Ich, eindrucksvoll dokumentiert im Konzertfilm “The Rise And Fall of Ziggy Stardust and The Spiders From Mars”, in dem man nachvollziehen kann, welch großartiger Performer Bowie ist und warum das ihn zwangsläufig auch für Film und Bühne interessant machte.

Mit Aladdin Sane schuf er im Anschluss eine neue androgyne Figur und ein Album, dass von packenden Rockriffs wie dem Klassiker “Jean Genie” bis hin zu den im Cabaret-Stil angelegten “Time” oder “Lady Grinning Soul”. Ein Meilenstein des Glamrock. Ein Jahr zuvor hatte David Bowie als Produzent von Lou Reed, den er in der Factory kennengelernt hatte, großen Anteil an dessen ebenfalls wegweisenden Soloalbum “Transformer”.

Von ungeheurem Schaffensdrang in dieser Frühphase geprägt, erfand Bowie sich stets neu und förderte immer wieder neue Kreationen zutage, denen man auf Anhieb das Besondere anmerkte. Der nächste ganz große Wurf gelang ihm 1976 mit “Station To Station”, mit dem er sich in den Thin White Duke verwandelte, als der er bis heute bezeichnet wird. Mit diesem grandiosen, vielschichtigen Rockalbum wurde Bowie gänzlich zum Superstar und füllte darauf hin sämtliche Konzerthallen mit seiner großartigen Liveband. Nachzuhören auf der 40th Anniversary Edition des Albums mit einem exzellenten Konzert des Albums als Bonus.

Unmittelbar nach “Station To Station” dann der Durchbruch auch als Schauspieler in einer Rolle, die Bowie wie auf den zarten Leib und die außerirdischen Gesichtszüge geschrieben schien. In Nicolas Roeg Sci-Fi-Melodram “The man who fell to earth” überzeugt der Brite als feinfühliger Actor, der mit seiner Schönheit und Fragilität den ganzen Film trägt, der bis heute zu den besten seines Genres gehört.

Dann der nächste Entwicklungsschritt in diesem unglaublichen reichen und dichten Künstlerleben, der David Bowie endgültig in den Stand einer Ikone versetzte. Die legendäre Berliner Phase, in der Bowie mit seinem kongenialen Bruder im Geiste, dem ebenfalls multitalentierten Brian Eno (Roxy Music) kollaborierte. Beeinflusst von den deutschen Electronica-Pionieren Kraftwerk, Neu! und Cluster überführte Bowie seine Musik in eine kühle-distanzierte Atmosphäre, die ein seltsames Gefühl der Verlorenheit und eine eigene Magie entwickelte und damit den Zeitgeist des geteilten Deutschland auf fast schmerzliche Weise einfing. Gipfelnd in seinem bis dato größten Hit “Heroes”, der Mauer-Hymne schlechthin.

Damit hatte David Bowie den Höhepunkt seiner Karriere und Kultstatus erreicht. Was folgte, war dann eine mitunter von der Presse kritisch kommentierte Hinwendung zum Mainstream, die ihm 1983 allerdings das kommerziell erfolgreichste Album bescherte. u.a. mit Hits wie dem Titelsong, “China Girl” und “Cat People (Putting Out Fire)”, das er für den gleichnamigen Film mit Nastassja Kinski geschrieben hatte. Die Folgealben “Tonight” und vor allem “Never Let Me Down” litten dann aber offensichtlich unter einer für Bowie-Maßstäbe großen Ideen- und Orientierungslosigkeit.

Eine Wahrnehmung, die Bowie in dieser Zeit ofensichtlich auch von sich selbst hatte und wieder einmal in einen radikalen Umbruch münden ließ. Mit der Gründung der Band Tin Machine versuchte er sich als normales Bandmitglied vom ins Überdimensionale gewachsenen Mythos der Rocklegende zu befreien, was aber nur mäßig gelang. Die erneute Begegnung mit Brian Eno 1995 und Inspirationen durch Bands wie Placebo oder Nine Inch Nails führten ihn schließlich wieder auf den gewohnt kreativen, kommerziell aber leider nicht entsprechend erfolgreichen Weg. Jedenfalls konnte Bowie mit “Outside” und vor allem mit dem auf der Höhe der Zeit wirkenden Drum ‘n’ Bass-Werk “Earthling” wieder einmal sein kreatives Potenzial ausschöpfen.

In der Folge gelangen Bowie noch drei mittelmäßige bis sehr gute Alben. Zuletzt setze er 2003 mit “Reality” ein beeindruckendes Zeichen seiner musikalischen Klasse, die ihn im Anschluss auf eine vielumjubelte Tournee führte. Die “Reality Tour” bewies einmal mehr die Bühnenpräsenz des damals fast 60jährigen, der dabei wie ein in Ehren gereifter Jüngling wirkte. Mit der exquisiten Jazz-Ballade “Bring Me The Disco King” schwang sich David Bowie hier ein letztes Mal zu höchsten Höhen auf. Seitdem ist es nach einer Herzattacke still um den großen David Bowie geworden, der niemanden mehr etwas beweisen muss.

Wir gratulieren dem Thin White Duke ganz herzlich zum Geburtstag, danken ihm für seine vielen großartigen Werke, wünschen ihm alles Gute und uns, dass er sich vielleicht doch noch einmal auf seine große Songwriterkunst besinnt und uns allen ein spätes Meisterwerk beschert.

www.davidbowie.com

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2 Kommentare zu “Die genialen Metamorphosen von David Bowie”

admin am 11. Januar 2012 16:09

@Senseofdoubt Danke für den netten Kommentar. David Bowie ist eben einer der Heroes of all time!

Senseofdoubt am 11. Januar 2012 08:21

Vielen Dank für diesen schönen Artikel! Endlich einmal werden nicht die üblichen Klischees strapaziert, die von Bowie in der Öffentlichkeit existieren, sondern der künstlerische Werdegang dieses Mannes erschöpfend beschrieben und entsprechend gewürdigt.

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