Musik - 23.10.11 -

Der heilige Sünder des Songwritings

Bad Boy Tom Waits mal wieder very good

Es gibt sicher kein Außenseiter- oder Randexistenzen-Klischee, das Tom Waits nicht regelmäßig angedichtet wird. Der große amerikanische Entertainer, der 2011 in die Rock and Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde, bedient sie eben auch alle formidabel. Sein neues Album “Bad As Me” ruft sämtliche Underdog-Assoziationen ab vom Gaukler über den Hobo bis zum Rotlichtpoeten, weil der Meister sämtliche Stärken einsetzt. Ob Blues, Rhythm ‘n’ Blues, Vintage oder Rock and Roll, das Chamäleon Waits verfügt eben über ein umfassendes Stil-Repertoire, mit dem er faszinierende Undergroundwelten vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Und so rumpelt und rappelt und klappert es wieder an allen Songecken und -enden. Zerschossene Pianos treffen auf verquere Bläser, verzerrte Gitarren grätschen durch taumelnde, von Mundharmonikas zerbeulte Melodien, die mal fiebrig schwitzend, mal angeschlagen wie alte Boxer durchs ungnädige Leben taumeln. Drums und Percussions klingen wie auf Hinterhofmülltonnen geschlagen, an die streunende Hunde pinkeln. Und über all das röchelt und seufzt, bellt und beißt, fleht und keift Waits seine unvergleichlichen Vocals.

Mal speit er Gift und Galle und grätzt sich durch die Songs, die wie Landstreicher seinen Weg kreuzen, mal harmt und barmt der begnadete Schrägballadenkönig seine Zeilen so zum Sterben schön, dass man demütig im Straßenstaub vor ihm auf die Knie fallen möchte. So schmerzlich singt keiner von der Liebe, so aufrecht und würdevoll wie er huldigt keiner den gefallenen Engeln. Wann immer er leise in den Mollmodus wechselt und seine melancholischen Momente auskostet, ist er einer größten, weil berührendsten Balladenschreiber unserer Zeit. Und dann schenkt er uns zum Losschluchzen traurig-schöne Songs wie “Pay Me”, die ihresgleichen suchen in ihrer nahe gehenden Intensität.

Wenn es Tom Waits nicht gäbe, man müsste ihn umgehend erfinden mit allen dazugehörigen Klischees, die der Mann nutzt, um den amerikanischen Traum von seinen Schattenseiten her zu konterkarieren und damit die harte Grenze zwischen Schein und Sein zu ziehen. Die 13 bzw. 16 (Bonus Edition) Songs auf “Bad As Me” fügen sich nahtlos ins schillernde, von meisterhaften Songideen beseelte Gesamtwerk von Waits, belegen die Exzentrik seines hoch künstlerischen Songwritings, das immer noch und immer wieder innovativ klingt und voller Dynamik ist. Mächtige Rock and Roll Aggression tanzt im Walzertakt zur schmerzhaften Bluesemotion und von dort zur Kargheit ergreifender Hymnen, die Namenlosen ein Gesicht geben und eine Bedeutung.

Das Album ist ein hoch unterhaltsames Kaleidoskop unterschiedlicher Stimmen und Stimmungen, die auf faszinierende Weise eine Einheit bilden und Tom Waits abermals als Magier ausweisen, der sicher als Rattenfänger der populären Musikkultur in deren Geschichte eingehen wird – ein Unikum von Storyteller, dem man nicht müde wird zuzuhören. Gerade weil er nicht als nice guy unterwegs ist. Selten war “Bad” so unheimlich gut.

www.tomwaits.com

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