Musik - 22.10.11 -

Post-Oasis-Oase

Noel Gallagher fliegt höher als Bruder Liam

Noel Gallaghers High Flying Bird CoverSeit dem Split der zänkischen Brüder Gallagher, die als Oasis Weltruhm erlangten, stellt sich die Frage, wer dem Banderbe eher gerecht werden kann. Zwei Jahre nach der Trennung liegen nun die ersten Post-Oasis-Werke von Kain und Abel vor und Noel hat mit seinem gerade veröffentlichten Solo-Album Noel Gallagher’s High Flying Birds eindeutig die steilere Flughöhe als Liam mit seiner neuen Band Beady Eye.

Auch wenn Liam der markantere Sänger ist, so zeigt Noels Klassealbum ebenso klar, dass sein exzellentes Songwriting das A und O des Oasis-Erfolgs war und dem des Bruders weit überlegen ist. Auf seinem eigenen Album macht er reichlich Gebrauch von seinen Fähigkeiten und gönnt sich dazu ein paar kompositorische Freiheiten, die das Solodebüt um einige Facetten bereichern, die sicher auch der Ex-Band gut zu Gesicht gestanden hätten.

Gleich zu Beginn legt Noel mit “Everybody’s On The Run” die Messlatte hoch. Eine Britpop-Hymne erster Güte, atmosphärisch dicht, mit Streichern und Chorsätzen veredelt – ein echter Zugvogel für das ganze Album, dem ein Schwarm von 9 weiteren illustren Songvögeln folgt. “Dream On” shuffelt unter einer Gitarrenwand ins vertraut Melodische der Noel-Kompositionen, mit Bläsern fett umrandet. Zur akustischen folgt mit “If I Had A Gun” einer der besten Songs des Albums, der an beste Oasis-Zeiten anknüpft.

Ganz großartig auch das gleich anschließende relaxte “The Death If You And Me” mit seinem unwiderstehlichen Refrain und den angejazzten Bläsern. Mann muss Noel entspannt sein, sowas von lässig und souverän kommt diese Perle daher, bei der man wirklich mal wieder den Beatles-Verweis anwenden darf. Dieser Song macht richtig Spaß! Und das Vergnügen geht gleich weiter mit einem der beiden Tracks, um die sich zu Oasis-Zeiten schon Gerüchte ihrer Existenz rankten. Noel hat eben einiges an Pfunden in petto, mit denen er hier auch wundert. “(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine” ist Psychedelic Pop par excellence, lässt Streicher Spalier stehen für Gitarrensolo und schwelgerische Harmonien.

“AKA…What A Life” dreht Bruder Liam die Nase und atmet mehr Rock and Roll Eleganz als das ganze Beady Eye Album. Und schon folgt der nächste melodiöse Geniestreich namens “Soldier Boys And Jesus Freaks”, ein höchst charmanter Pop-Song, dem Noel eine royale Bläserkrone aufsetzt. Da sollte selbst die Queen amused sein, wie Herr Gallagher hier gegen sein Bad Boy Image arbeitet. Überhaupt ist das Wort sympathisch höchst angebracht sowohl was die musikalischen Qualitäten von Noel angeht als auch sein reflektiertes Auftreten ohne Nachtreten gegen den Bruder.

Was für Harmonien! “AKA…Broken Arrow” ist auch so ein honigsüßer Schleicher, der sich gleich ins Ohr schmeichelt. “(Stranded On) The Wrong Beach” kommt als straighter Up-Tempo-Rocker mit Hit-Qualitäten daher. Da ist auch schon Track 10 und der zweite Song aus dem Oasis-Nachlass, der sich prächtig in dieses rundum gelungene Album fügt. “Stop The Clocks” klingt so unschuldig als würde man den Gallagher-Jungs beim friedlichen Spiel im Sandkasten zuschauen. Hätten sie sich auch später gut vertragen, hätte uns das möglicherweise um die Freude an Noels Solo gebracht.

www.noelgallagher.com



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