Musik - 26.09.11 -

Famoses Spätwerk der Liedgut-Legende

Konstantin Wecker – satirischer Biss, rebellischer Geist, menschliche Poesie

“Wut und Zärtlichkeit”. Konstantin Wecker klagt mit seinem neuen Album alles ein, was die Zeitläufte verlangen, um Widerstand zu leisten, Menschlichkeit zu üben und sich statt auf vernichtende kapitalistische auf wahre Werte zu besinnen. Der Altmeister des rebellischen wie poetischen Liedgutes zeigt sich auf der Höhe der Zeit als streitbarer und zugleich empathischer Poet, als scharfer Beobachter von Politik und Gesellschaft und als reifer, zarter Motivierer und Berührer von Geist und Seele. Kurzum: Wecker liefert mit diesem abwechslungsreichen Werk eines der besten Alben seiner langen und an Perlen reichen Karriere ab.

Die satirische Schärfe seiner Anfänge wie bei “Genug ist nicht genug” und “Eine ganze Menge Leben” ist ebenso vorhanden wie die Melancholie von “Liebesflug” und “Das macht mir Mut” bis hin zu den hoch emotionalen, sehr sensiblen Meisterwerken “Inwendig Warm” und “Uferlos”. Gleich zur Eröffnung mit dem Titellied zeigt sich der am Leben gereifte Wecker sehr reflektiert und macht aus der Perspektive des fortgeschrittenen Alters Mut zur Lebendigkeit des Revoluzzens und gibt die sinnstiftende Parole aus: “Gib Dir alles, werde ganz!” Ein wundervoller Einstieg in emotionaler Balance.

Ganz groß, sehr aktuell und messerscharf in seiner ironischen Haltung ist “Absurdistan”, das Wecker einmal mehr als den Kabarettisten unter den Liedermachern ausweist. Und mit “Die Kanzlerin” und ihrem Lächeln setzt er der unerträglichen inhaltslosen und handlungsleeren Seifenblaserei von Angela Merkel die sarkastische Spitze auf – exzellent diese Chroniken der Charakterlosigkeiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der kritische wache Geist erholt sich in völlig kitschfreien Liebesliedern, die sich nicht schämen müssen, so banal klingende Titel wie “Weil Ich Dich liebe” zu haben, weil tief Empfundenes und Erfahrenes genau das rechtfertigt. So locker können Liebeserklärungen daher kommen.

Und dieser Wecker kann auch im 65. seiner Lebensjahre noch richtig anfassen wie in “Schwanengesang”, wo einen allein die Zeile “…Sterben und wieder Auferstehn ist das Wesen der Welt…” mit tiefer Demut vor dem poetischen Vermögen dieses Mannes erfüllt. Der berühmte Kästner-Satz “Es gibt nichts Gutes” (außer man tut es) wird bei Conny wieder gegenwärtig und auf subtile Weise aktualisiert. Als geborener Düsseldorfer ist mir das bissige “Damen von der Kö” ein innerer Vorbeimarsch. Besser kann man die Dekadenzia nicht beschreiben. Herrlich – herzlichsten Dank von einem Einheimischen!

Das philosophische “Weltenbrand” weiß sich mit Ethnomagie zu umgeben, musikalisch überraschend, konsequent und sehr gekonnt. Fabelhaft die kabarettistisch spitzzüngige Farce “der Virus”, die mit dem Kapitalismuswahn und seinen Protagonisten auf geniale Weise abrechnet und diese Zockerei der Lächerlichkeit preisgibt, gipfelnd in der als Fußball-Schmähgesang adaptierten Zeile “..zieht den Börsianern die Anzughosen aus…” Volltreffer!

“Empört Euch” übersetzt den zum Bestseller avancierten Resistance-Aufrüttler Stéphane Hessel in einen musikalisch-lyrischen Aufruf, der von der gleichen innere Stärke getragen ist wie Weckers ultimative programmatische Lieder “Renn, lieber renn” und “Sage Nein!” Das ist im besten Sinne linke wie menschliche Parole im Geiste Rosa Luxemburgs. Ein echter Höhepunkt im schaffen Weckers, den er musikalisch in angemessenes multikulturelles Pathos überführt!

Ganz wunderbar der italienisch gefärbte Liebesgruß für Weckers Frau Annik, wie ihn sich wahrscheinlich jede Herzensdame auf ähnliche Weise wünschen würde. Hier ist Wecker ganz in seinem Element der Berührbarkeit, der geerdete und dem Leben und der Liebe verhaftete dankbare Poet. Ach wie ich seine unvergleichliche Art, in Liedern zu lieben liebe! Voller Würde und nicht wenig ergreifend “Es geht zu Ende”, eine Nahaufnahme von Tod und Einsamkeit und der Schwierigkeit des Abschiednehmens, der schwersten aller menschlichen Übungen.

“SoScheeSchoA” entbehrt aller beschreibenden Worte – ein lyrischer Genuss, ein Treiben im Moment und seiner Schönheit – vielleicht der größte Augenblick im bisherigen Schaffen Weckers. Gefolgt vom abschließenden “Tropferl im Meer”, das einen in seiner Ursprünglichkeit kaum weniger packt. So kann man selbst Volksmusik ins Herz schließen. Was für ein großes, einzigartiges, abwechslungsreiches Album voll rebellischem Geist und humaner Tiefe. Ein Werk für alle aufrechten Menschen, bei dem es Wecker wie in seinem aktuellen Buch ums Tun geht und nicht ums Siegen.

Ich bin sicher, dass Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch (selig!) ebenso ihre Freude daran haben wie Rainer Maria Rilke und Heinrich Böll, dessen Einschätzung über Weckers lyrische Ausnahmestellung hier voll und ganz bestätigt werden. Auch musikalisch ist das Album äußerst vielseitig und über jeden Zweifel erhaben. Wecker weiß seine lyrischen Leidenschaften stets in die passenden Klänge zu kleiden. Konstantin Wecker ist einer der ganz wenigen Künstler, die ich wirklich bewundere, zu denen ich aufsehe ohne mich zu erniedrigen und dem ich unendlich dankbar bin für all die Momente, in denen er mich bereichert, beglückt, zum Nachdenken angeregt, zu Zweifeln verleitet und zum Lieben verleitet hat.

Ach er lebe und liebe und zürne und motiviere noch lange dieser über alles geliebte, verehrte Wecker – ein ewiger Fan!

www.wecker.de

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