Musik - 08.06.11 -

Live-Perle aus den Archiven

Neil Youngs hochkarätiges Country-Juwel

Seit langem weiß man, dass die nach und nach sich öffnenden Albumarchive von Neil Young zu den üppigsten, vielseitigsten Schatztruhen der modernen Musikgeschichte zählen. Die 70er-Jahre-Konzerte “Live at Fillmore East und “Live At Massey Hall oder “Chrome Dreams II” rechtfertigen diese Einschätzung. Einen vorläufigen Höhepunkt stellt das jetzt erscheinende “A Treasure” dar, das seinem Albumtitel alle Ehre erweist. Ein hochkarätiges Country-Goldnugget hat der Kanadier da aus der Mitte der 80er geschürft, von immenser Spielfreude geprägt und mitreißend skiffelnd, shuffelnd, swingend, groovend.

Begleitet wird Neil Young auf den 12 live mitgeschnittenen Songs von den “International Harvesters”, hinter denen sich ausgefuchste Könner der Country-Szene verbergen. Bei 9 Aufnahmen von 1984 waren das Pianist Spooner Oldham, Drummer Karl T. Kimmel sowie die exzellente Saitenfraktion mit Ben „Long Grain” Keith an der Pedal-Steel- und Lap-Slide-Gitarre, Bassist Tim Drummond, Geiger Rufus Thibodeaux sowie Anthony Crawford an der Gitarre und Banjo. Hargus „Pig” Robbins (Piano), Joe Allen (Bass) und Matraca Berg und Tracy Nelson (beide Backgroundgesang) gehören zum Line-Up der drei restlichen im Jahr 1985 aufgenommenen Tracks.

Mit “Amber Jean“, “Let Your Fingers Do The Walking”, “Soul Of A Woman”, “Nothing Is Perfect” und “Grey Riders” gibt es fünf bislang unveröffentlichte Tracks zu hören. Am bekanntesten dürfte “Are You Ready For The Country?” von Youngs 72er Erfolgsalbum “Harvest” sein. Auf “A Treasure” findet sich alles, was das Genre interessant macht. Blühende, fruchtbare Landschaften, die zu beackern und zu ernten sich lohnt. Glückliche Rinder, Schweine und Pferde. Abende an Lagerfeuern, wo man frisches Brot und Kaffee teilt. Tage, über denen ein friedlicher blauer Himmel mit Schäfchenwolken wacht und klare milde Nächte, in denen man Gottes Sterne einzeln zählen kann. Wahrlich ein Album mit Horizont.

Herausragend die knapp 8-minütige Railroad-Hymne “Southern Pacific“, ein Hochgeschwindigkeits-Skiffle-Zug, auf den man stante pede aufspringen und die kanadischen Weiten bereisen möchte. Sicher einer der besten Country-Songs, den Young je geschrieben hat. Das rollt auch ohne zu rocken immer geradeaus und macht Fernweh ohne Ende und Heimatgefühl zugleich. Und zum Finale furioso schickt der geniale Gitarrist noch eine wilde Horde “Grey Riders” aus, die Staub aufwirbeln wie eine Büffel-Stampede.

Einmal mehr demonstriert Neil Young mit dieser Song-Perlenkette aus seiner Schatztruhe, dass er zu den Unsterblichen der Populärmusik gehört mit einer Ehrfurcht gebietenden stilistischen Bandbreite, ach was, mit der Spannweite und dem Argusblick eines übermächtigen Adlers. So sicher und elegant kreist keiner sonst über die Weiten der Prärie. Alles Weitere dazu sagt er Euch besser selbst.

Fazit: Was das grandiose Gitarrengewitter “Weld” für den rastlosen Rocker Young ist das lebendige geerdete “A Treasure” für den Roots-Traditionalisten Neil, das den Weg von Buffalo Springfield über Crosby, Stills, Nash bis zu den großen Folk- und Country-Soloalben des Ausnahmekönners nachzeichnet. Fesselnd! Bewundernswert!

www.neilyoung.com

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