Eine Befreiung für viele
Westerwelles Rücktritt – Das Ende eines egomanen Selbstdarstellers
Guido Westerwelle ist als FDP-Chef zurückgetreten. Das ist ein Grund zur Freude! Für seine Partei, die sich nun im wahrsten Sinne des Wortes “befreit” fühlen dürfte von einem, dessen Führungsstil alles andere als liberal war. Vor allem ist der Rücktritt eine Freude für die Bürger. Denn dieser Mann hat sich um deren mehrheitliche Belange wahrhaftig nicht geschert. Und was ist die unmittelbar Reaktion im Umfeld? Erste Krokodilstränen werden vergossen, Bedauern ausgedrückt, Respekt für die Entscheidung wird ihm gezollt – ach dieses politische Geschäft ist fürwahr hauptsächlich noch ein Sumpf von Lug und Trug und Heuchelei. Als wenn irgendwer die neoliberale Kampfzicke Westerwelle wirklich vermissen würde. Im Gegenteil!
DIeser Abschied ist einer von denen, die hoffen und wünschen lassen, dass nicht gleich wieder ein neues Willkommen daraus wird in einer anderen exponierten Position. Apropos. Wichtig ist nach diesem Rücktritt jetzt auch, dass Westerwelle nicht wieder sein Ego durchsetzt und Außenminister bleibt, sondern auch hier möglichst schnell entsorgt wird. Da jedenfalls wird man sich aber auf die Brutus-Brut der Politik verlassen können, die in Form der Unionsfraktionäre, die somit gerne eine Zeit lang die eigenen zahlreichen Defizite in Partei und Regierung kaschieren, schon in den Kulissen zum endgültigen Dolchstoß bereit steht.
Zehn Jahre Westerwelle sind wahrlich genug, wenn man das vor seinem inneren Auge ablaufen lässt. Erst die Kanzlerkandidatur samt Möllemann-Kumpanei mit 18%-Schuhsohlen inklusive peinlicher Wahlkampftournee im Guidomobil, dass man denken konnte, selbst der Papst sei nur eine Randfigur in der Weltgeschichte. Anmaßend arrogant, wie so vieles dieses egomanen Selbstdarstellers, eines öffentlichkeitsgeilen Karrieristen, der für seinen persönlichen Erfolg zu allem bereit war. Selbst eine unsägliche Anbiederung an den unerträglich voyeuristischen Zeitgeist wie ein Besuch im Big Brother Container leistete Westerwelle sich völlig schmerzfrei und schamlos, um Bürgernähe vorzutäuschen. Keiner war und ist weiter entfernt davon als er. Denn Westerwelle hat sich immer nur für das Wohlergehen eines Bürgers interessiert – sein eigenes. Dieser Mann trieb eben Späße für ein Publikum, das er nicht ernst nahm, außer wenn es zur Wahlurne getrieben werden musste.
Eine wandelnde Sprechblase war und ist der in Bad Honnef geborene Jurist obendrein. Was manche vielleicht als geschulte und oft jungenhaft spitzbübisch vorgetragene Rhetorik verstanden wissen wollen, ist nichts weiter als kühles Kommunikations-Kalkül und eine Aneinanderreihung selbstverliebter und völlig weltfremder Blender-Floskeln, machtversessenes Politiker-Vokabular der eitelsten Güte. Vermeintlicher Klartext, zwischen dessen Zeilen immer nur Narzissmus zu lesen war.
Von der Redewendung “Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen der die Sache regelt. Und das bin ich!” über die Chuzpe, sich selbst zur Freiheitsstatue der Republik zu ernennen bis zur Äußerung, dass ihm niemand den Schneid abkaufe. Wie gut, dass er von diesem hohen Ross der falschen Selbstwahrnehmung auf den Boden der Tatsachen gestürzt ist, die da heißt: Niemand in dieser Republik wird diesen Westerwelle vermissen außer jenen Klienten, für die er der Garant war, dass sie ihre ureigensten Interessen und Profitgier auf Kosten des Gemeinwohls weiter treiben konnten.
Das Dilemma dieses erstaunlich kurzen und für Westerwelles Verhältnisse wenig pathetischen Abgangs. Weit und breit ist niemand in Sicht, der den liberalen Geist tatsächlich wieder in diese Partei einpflanzen oder wie eine leuchtende Fackel vor ihre Mitglieder her tragen könnte. Denn dialogfähige und reflektierte echte Liberale wie Gerhart Baum sind äußerst rar geworden und lassen nicht erwarten, dass in dieser Partei jetzt eine Wende zum Besseren, will heißen zum Klügeren und Menschlicheren, weil emotional Intelligenteren vonstatten gehen könnte.
Wird sich die FDP also jetzt wirklich ändern?, ist die große Frage. Wohl kaum. Es wird sicher wahlergebnis-technisch geschuldete Anpassungen und oberflächliche Annäherungen an andere, opportunere Positionen geben. Aber aus Überzeugung über Notwendigkeiten in der Gesellschaft und in der Welt? Das ist nicht zu erwarten von der Riege der jungen wilden Machtdynamiker, die auf Westerwelle folgen, denn sie sind seine eigenen Zöglinge und damit Brüder im Geiste. Was nicht weniger bedeutet, dass, ob Rösler, Lindner oder Bahr, in die direkte Nachfolge einer rücken wird, der vornehmlich eines ist: Karrierist.
Was die FDP nach Westerwelle wirklich brauchen würde ist eine echte Wende wie die anstehende, unter allen Umständen und gegen alle Widerstände durchzuführende in der Energiepolitik. Aber da stehen längst die in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Grünen, die wenn sie es nun richtig verstehen, auf die Bedürfnisse des Mittelstandes zu reagieren und dabei die Konsequenz entwickeln, Machtstrukturen in der Wirtschaft zu kontrollieren und in gesellschaftsdienliche Bahnen zu lenken, die FDP endgültig überflüssig machen. Und das wäre dann vor allem auch das Vermächtnis dieses Mannes, der heute zurückgetreten ist – oder besser – unter massivem Druck wurde.


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Tönendes Poesialbum















